Der XX-Faktor im Ultrarunning - Teil 3: Zwischen den Ohren




von Sabine

Wer von uns hat das nicht schon erlebt: Man steht an der Startlinie eines Laufs. Das Vorhaben: eine Strecke, die man zuvor noch nie bewĂ€ltigt hat - weder im Training noch im Wettkampf. Ein Schritt ins Ungewisse. Es ist eine Mischung aus Aufregung, Spannung und einem unbestimmten mulmigen GefĂŒhl, das einen da beschleicht. Was dabei dominiert – ein optimistisches oder pessimistisches GrundgefĂŒhl – das hĂ€ngt sehr stark von der jeweiligen Persönlichkeit ab. Und davon, ob eine Frau oder ein Mann an der Startlinie steht. 


An der Schwelle zum Unbekannten, möglicherweise sogar Riskanten, scheinen sich Frauen und MĂ€nner zu unterscheiden. Hier tobt sich die Wirtschafts- und Organisationspsychologie seit Jahrzehnten mit einer Vielzahl von Gender-Studien aus. Ihr Ergebnis: Frauen sind im Mittel risikoscheuer als MĂ€nner. MĂ€nner zeigen dagegen hĂ€ufiger ein Verhalten, das die Psychologen als „SelbstĂŒberschĂ€tzung“ (Overconfidence) klassifizieren. Kann das erklĂ€ren, warum beim Ultrarunning umso weniger Frauen an den Start gehen, je lĂ€nger die Strecke ist?

Eine Studie von Hewlett Packard hat gezeigt, dass Frauen sich nur auf eine höhere Position bewerben, wenn sie 100% aller Anforderungen zu erfĂŒllen glauben, fĂŒr MĂ€nner reichen gerade mal 60%. Das wĂ€re eine gute ErklĂ€rung dafĂŒr, warum Frauen auf langen Strecken so selten antreten. Bei einem 5 km Wettkampf weiß man, dass man die Strecke mit ein bisschen Training sicher schaffen wird. Das gilt auch fĂŒr 10km, vielleicht auch fĂŒr Halbmarathon. Schon beim Marathon wird es schwieriger: Denn hier lĂ€uft man im Training nie die volle Strecke. SpĂ€testens aber beim Schritt zum Ultra kann man nicht mehr vorhersagen, ob man eine Strecke sicher schaffen wird. Und je lĂ€nger die Ultra-Strecke, desto grĂ¶ĂŸer die Ungewissheit.

Problem ist: Die oben genannte Studie gab es nie. Auch wenn diese Zahlen immer wieder genannt werden: Es ist einfach nur eine Geschichte aus einem internen Report von HP. Sie wurde in der Business-Welt von McKinsey verbreitet und dann von Sheryl Sandberg in ihrem Bestseller „Lean In“ aufgegriffen. Damit war diese „Studie“ dann in der Welt.


Entscheidend: Das Umfeld

Fehlt es Frauen generell an Selbstvertrauen, wenn es an den nĂ€chsten Schritt geht – sei es in der Kariere oder im Ultrarunning? So plakativ wie in der oben erwĂ€hnten „Studie“ von HP ist das nicht. Es ist nicht so, dass sich Frauen grundsĂ€tzlich weniger zutrauen als MĂ€nner. Sie haben nicht generell Angst zu scheitern. Sie fĂŒrchten sich einfach viel mehr davor sich zu blamieren. Ein kleiner, aber wichtiger Unterschied. Denn nicht das Ergebnis ist das Problem (Scheitern), sondern seine Wahrnehmung auf der BĂŒhne des sozialen Umfelds (Blamage). Oder umgekehrt: Es geht nicht darum, Frauen ihre angebliche SelbstunterschĂ€tzung abzutrainieren. Gebraucht wird vielmehr eine positive Umgebung, in der Misserfolge nicht zur persönlichen Abwertung genutzt werden. In der (unvermeidliches) Scheitern nicht zur Blamage wird.

Dann gibt es da eine weitere Beobachtung: Frauen formulieren am Anfang ihrer Karriere durchaus ambitionierte Ziele und trauen sich auch zu, diese zu erreichen. Sind sie aber zwei Jahre lang dem Arbeitsalltag ausgesetzt, ist nur noch ein kleiner Teil von ihnen ĂŒberzeugt, einmal an der Spitze anzukommen. Der Grund: Von MĂ€nnern formulierte Stereotype, fehlende UnterstĂŒtzung und fehlende Vorbilder. Wenn Frauen immer nur zu hören bekommen, dass man(n) auf dem Weg zur Spitzenposition 7 Tage die Woche 24 Stunden arbeiten muss, dann verlieren sie irgendwann den Glauben daran, dass sie diese Position ĂŒberhaupt wollen. Schließlich ist es hierzulande immer noch gesellschaftliche RealitĂ€t, dass Frauen die Hauptlast der Kindererziehung, HaushaltsfĂŒhrung und Pflege der Angehörigen tragen. Oder ĂŒbertragen auf den Sport: Wenn MĂ€nner auf facebook, Instagram oder Strava ihre 150+ km Trainingswochen posten, dann schreckt das viele Frauen ab, sich ebenfalls an die langen Ultrastrecken heranzuwagen. Auch wenn es mit einem vernĂŒnftigen Trainingskonzept nicht immer diese riesigen TrainingsumfĂ€nge brĂ€uchte



„Ohne Sieg ist alles nichts“ versus „Dabeisein ist alles“

Und so sind wir wieder beim Thema Ultrarunning. Beginnen wir nochmal mit einem Blick auf die Teilnahmequote von Frauen bei Ultra-Veranstaltungen unterschiedlicher StreckenlĂ€nge. Wenn man die vier „klassischen“ Ultradistanzen (50 km, 50 Meilen, 100 km, 100 Meilen) betrachtet, dann kann man in den USA und in Deutschland den gleichen Effekt beobachten: Je lĂ€nger die Strecke, desto geringer der Frauenanteil. Nur sind in den USA auf den ganz langen Distanzen immer noch so viele Frauen unterwegs, wie man sie in Deutschland gerade mal bei 50 km Rennen findet.


Frauenanteil bei Rennen unterschiedlicher Distanzen in den USA und Mitteleuropa. Da in Mitteleuropa nur selten "runde Distanzen" gelaufen werden, wurden fĂŒr die Statistik alle Rennen mit mehr als 100 Finishern (2017) herangezogen, deren StreckenlĂ€nge maximal 10% von den klassischen Distanzen 50km, 50 Meilen, 100km und 100 Meilen abweicht.


HierfĂŒr gibt es viele GrĂŒnde, und im letzten Post hatten wir schon einige davon erwĂ€hnt: Die Rolle des Schulsports zum Beispiel oder den Title IX des „Omnibus Education Act“. Aber das ist mit Sicherheit nicht alles. Es gibt in der Lauf-, vor allem aber in der „Ultrakultur“ deutliche Unterschiede zwischen USA und Mitteleuropa. Hierzulande dominiert bei klassischen Ultra-Veranstaltungen der Wettkampfcharakter. In den USA haben Ultrarennen viel mehr den Charakter eines Events, eines Happenings: „Dabeisein ist alles“ wĂ€re hier das passende Motto. Mit großer Bewunderung fĂŒr jeden, der ĂŒberhaupt einen Ultra lĂ€uft. „I wouldn’t even drive that far“ ist hĂ€ufig der Kommentar. Völlig unĂŒblich, im zweiten Satz nach der Bestzeit gefragt zu werden. WĂ€hrend hierzulande facebook und Instagram gerne mit Strava-Statistiken geflutet werden, ist man in den USA viel allergischer gegen „Bragging“ (Prahlerei). Das mussten auch schon Top-LĂ€ufer erfahren. Als Jim Walmsley in einem iRunFar-Interview 2017 vor dem Western States die Leistung des Siegers von 2016 herabwĂŒrdigte, ging ein wahrer Shitstorm los. Das gleiche passierte nach einem Interview von Camille Herron bei Ultrarunnerpodcast. Umgekehrt ist die Achtung vor denen, die kurz vor dem Cutoff ins Ziel kommen, in den USA bedeutend höher. So ist beim hochkompetitiven Western States das Zuschauer- und Medieninteresse fĂŒr die sogenannte „Golden Hour“ (die letzte Stunde vor dem 30:00 Cutoff) vergleichbar mit dem fĂŒr die Top 10. Tim Twietmeyer, Ann Trason, Scott Jurek: Sie alle haben regelmĂ€ĂŸig – viele Stunden nach ihrem eigenen Finish – an der Ziellinie in Auburn gestanden und den letzten Finishern zugejubelt. Unvergessen das Jahr 2015, als der Sieger Rob Krar spontan an die Strecke ging und die damals 70-jĂ€hrige Gunhild Swanson auf dem letzten Kilometer begleitete – sie erreichte das Ziel ganze 6 Sekunden vor dem Cutoff.


Rob Krar (2.v.l.) begleitet Gunhild Swanson (4.v.l.) auf den letzen Metern zum Ziel des Western States 100 durch die Straßen von Auburn. Foto: Brian Burk

Angenommen die Ergebnisse der wirtschaftspsychologischen Studien gelten auch im Sport, angenommen, dass auch hier Frauen mehr als MĂ€nner ein Umfeld brauchen, in dem ein Misserfolg nicht zur Blamage wird, ein Umfeld mit Vorbildern und UnterstĂŒtzung. Dann ist klar: Ultrarennen in den USA sind fĂŒr Frauen ein Traum. Denn dort, wo auch die Letzte noch so gefeiert wird wie der Sieger, ist ein positives Umfeld vorhanden, in dem man sich besser ausprobieren kann als wenn nur die Leistung im Vordergrund steht.

Aber auch in Sachen weiblicher Vorbilder ist man in den USA sehr viel weiter als in Deutschland. Um nur zwei Beispiele aus unterschiedlichen Epochen zu nennen: Ann Trason und Courtney Dauwalter. Beide haben den Ultrasport geprĂ€gt bzw. prĂ€gen ihn. Beide sind zunĂ€chst gescheitert, bevor sie die ersten Erfolge einfahren konnten – und sie machen daraus keinen Hehl. Sicher, auch hierzulande gibt es hervorragende (Ultra)lĂ€uferinnen – nur ist deren mediale PrĂ€senz bedeutend geringer. Leider. Es fehlen nicht nur die passenden Formate; die hiesigen LĂ€uferinnen gelten eher als medienscheu (mit wenigen Ausnahmen 
).


Risiko: Wettkampf

Man kann aus den oben zitierten Studien den Eindruck bekommen, dass es letztlich die Frauen sind, die ein Problem haben. Sie sind zögerlicher, wenn es um den „nĂ€chsten Schritt“ geht. Unweigerlich geht man dabei immer davon aus, dass es auch richtig ist, den nĂ€chsten Schritt zu gehen.

Die Frage ist: Wo ist denn die „Ground Truth“? Wir gehen immer davon aus, dass es zu wenige Frauen sind, die an (Ultra)wettkĂ€mpfen teilnehmen. Dass sie zu viele Skrupel vor der nĂ€chstlĂ€ngeren Distanz haben. Dass sie ihr Potential nicht ausschöpfen. Dass sie sich unterschĂ€tzen. Ist das wirklich so?

Die beiden Wissenschaftlerinnen Muriel Niederle und Lise Vesterlund berichten in ihrem Artikel „Do women shy away from competition? Do men compete too much?“ ĂŒber eine Studie, in der sie die Bereitschaft von Frauen und MĂ€nnern zum Wettbewerb untersucht haben. „Wettbewerb“ ist hier nicht gleichbedeutend mit sportlichem Wettkampf – die Schlachten wurden mit einfacher Mathematik geschlagen. Die Versuchsteilnehmer mussten 5 zweistellige Zahlen richtig zusammenaddieren – ohne Hilfsmittel. Gewertet wurde die Zahl der korrekt gelösten Aufgaben in einer Zeit von 5 Minuten. Es gab sogar etwas zu gewinnen – sozusagen als VergĂŒtung fĂŒr den Erfolg: Entweder 50 Cent fĂŒr jede korrekt ausgefĂŒhrte Addition (StĂŒcklohn) oder 2 Dollar, wenn der Teilnehmer bzw. die Teilnehmerin am besten innerhalb einer 4-köpfigen Gruppe (zwei Frauen und zwei MĂ€nner) abgeschnitten hatte. Im Experiment haben die Versuchsteilnehmer in den ersten beiden Runden zunĂ€chst beide VergĂŒtungssysteme durchlaufen – und gleichzeitig lernten sie ihre eigenen FĂ€higkeiten beim Addieren kennen. In einer dritten Runde sollten sie den VergĂŒtungsmodus dann selbst wĂ€hlen: Entweder den sicheren, aber mageren StĂŒcklohn oder den riskanten, aber möglicherweise ertragreicheren Wettkampf.

Niederle und Vesterlund stellten zunĂ€chst einmal fest, dass es zwischen den mathematischen FĂ€higkeiten von MĂ€nnern und Frauen in ihrem Experiment keine Leistungsunterschiede gab. Doch wenn es daran ging, zwischen StĂŒcklohn und Wettbewerb zu wĂ€hlen, dann gab es drastische Unterschiede: 73% aller MĂ€nner wĂ€hlten den Wettkampfmodus, wĂ€hrend sich bei den Frauen gerade mal 35% fĂŒr dieses VergĂŒtungsmodell entschieden. WĂ€hrend zu viele weibliche High-Performer davor zurĂŒckschreckten, ihre Leistung im Wettkampf zu messen, haben sich zu viele mĂ€nnliche Low-Performer in einen Wettkampf verrannt, bei der die Niederlage schon vorprogrammiert war. Nein, es waren nicht nur die guten Kopfrechner, die sich mit anderen messen wollten. Auch bei denjenigen, die gerade mal 8 korrekte Additionen in 5 Minuten hinbekamen und die daher am Ende des Leistungsspektrums lagen, entschieden sich die MĂ€nner mehrheitlich fĂŒr den Wettkampf.

Ökonomisch gesehen ist das Harakiri. Denn in dem Versuchsdesign, das Niederle und Vesterlund fĂŒr ihr Experiment gewĂ€hlt hatten, wĂ€re der Wettkampf nur fĂŒr die Top 25% der Kopfrechner ökonomisch sinnvoll gewesen. Wenn man nun nicht nur die ExtremfĂ€lle (Low-Performer und High-Performer) anschaut und bedenkt, dass MĂ€nner und Frauen gleich gut rechnen können, wĂŒrde das bedeuten: Bei MĂ€nnern und Frauen mĂŒssten sich rund 25% fĂŒr den Wettkampf entscheiden. TatsĂ€chlich waren es aber 35% (Frauen) bzw. 73% (MĂ€nner): Das heißt: Im Mittel ĂŒberschĂ€tzen sowohl Frauen als auch MĂ€nner ihre LeistungsfĂ€higkeit. Doch hier gibt es einen qualitativen Unterschied, denn die SelbstĂŒberschĂ€tzung fĂ€llt bei MĂ€nnern sehr viel drastischer aus.

Liegt also das Problem nur darin, dass sich Frauen zu wenig zutrauen? Nein, es ist eher anders gelagert: MÀnner trauen sich viel zu viel zu, Frauen etwas zu viel; bei ihnen liegt aber die SelbsteinschÀtzung viel nÀher an der RealitÀt. Das sollte sich doch eigentlich ganz positiv im Ausdauersport auswirken 


Dass Frauen ihre LeistungsfĂ€higkeit gegenĂŒber MĂ€nnern geringer einschĂ€tzen ist bekannt. Das Klischee will es, dass Frauen sich unter- und MĂ€nner sich ĂŒberschĂ€tzen. Stimmt so nicht! Sowohl Frauen als auch MĂ€nner ĂŒberschĂ€tzen sich - Frauen sind dabei aber realistischer als MĂ€nner.



SelbstĂŒberschĂ€tzung versus konstante Pace

Das tut es tatsĂ€chlich. Calvin Hubble und Jinger Yu Zhao haben den Einfluss der SelbstĂŒberschĂ€tzung auf das Pacing beim Marathon angeschaut. Ihre „Versuchskaninchen“ waren die Teilnehmer des Houston Marathon 2013. Bei dieser Veranstaltung, die zu den 10 teilnahmestĂ€rksten Marathons in den USA zĂ€hlt, werden die LĂ€ufer in vier unterschiedliche Startgruppen eingeteilt. Hierzu wird bei der Anmeldung unter anderem gefragt, mit welcher Marathonzeit der Teilnehmer bzw. die Teilnehmerin rechnet. Hubble und Zhao haben diese SelbsteinschĂ€tzung dann mit der tatsĂ€chlich gelaufenen Marathonzeit verglichen – und zusĂ€tzlich untersucht, wie lange die LĂ€ufer und LĂ€uferinnen fĂŒr die erste und zweite HĂ€lfte des Marathons brauchten (positiver vs. negativer Split).

Die Analyse der Zeiten ergab, dass sich die Teilnehmer im Mittel deutlich ĂŒberschĂ€tzten: Die von ihnen anvisierten Marathonzeiten waren um 8,5% kĂŒrzer als die Zeit, die sie dann tatsĂ€chlich liefen. Bei einer Zielzeit von 4 Stunden zum Beispiel wĂ€ren das ganze 20 Minuten! Dabei ĂŒberschĂ€tzten sich MĂ€nner und Frauen, MĂ€nner jedoch signifikant mehr (9,0% bei den LĂ€ufern vs. 7,6% bei den LĂ€uferinnen).



Frauen laufen beim Marathon konstantere Splits. Links: Frauen mĂŒssen auf der zweiten HĂ€lfte des Marathons weniger Tempo rausnehmen als MĂ€nner. Rechts: Auch die 5km Splits sind bei Frauen gleichmĂ€ĂŸiger als bei MĂ€nnern: Sie gehen das Rennen langsamer an, und der Tempoabfall in der zweiten HĂ€lfte des Marathons ist geringer. Außerdem können sie im Endspurt nahezu auf die Durchschnittspace beschleunigen. (Abbildungen aus Hubble C, Zhao J. Gender Differences in Marathon Pacing and Performance Prediction. Journal of Sports Analytics 2 (2016) 19–36)

Man könnte jetzt sagen: Schön und gut, MĂ€nner ĂŒberschĂ€tzen sich nun mal. MĂŒssen sie nach dem Marathon halt zurĂŒckrudern und zugeben, dass sie doch nicht ganz so schnell waren. Aber ganz so einfach ist es nicht. Denn die SelbstĂŒberschĂ€tzung hat ganz wesentlich Einfluss auf die Pacing-Strategie. Die Studie zeigte: MĂ€nner gehen Marathons zu schnell an. Nicht, dass Frauen das nicht auch tun. Aber MĂ€nner stĂŒrmen noch schneller los: In der Studie von Hubble und Zhao liefen die MĂ€nner die zweite HĂ€lfte des Marathons 11% langsamer als die erste – die Frauen dagegen wurden nur 8% langsamer. Schlecht fĂŒr die MĂ€nner, denn die beste Pacing-Strategie bei einem Marathon ist diejenige, bei der eine möglichst konstante Geschwindigkeit ĂŒber das gesamte Rennen durchgehalten wird. Der ungestĂŒme Start ist dabei nicht nur dem Herdentrieb geschuldet. Je mehr sich die MĂ€nner ĂŒberschĂ€tzen, umso mehr ĂŒberpacen sie am Anfang.

Und wie ist das beim Ultramarathon? Hier gibt es bislang nur eine Studie, die Ă€hnliche Ergebnisse fand: Auch hier starteten die Frauen am Anfang konservativer, ihre relative Endgeschwindigkeit war dafĂŒr aber höher. Problem: Die Untersuchungen wurden bei den 100 km Weltmeisterschaften durchgefĂŒhrt – hier betrachtete man also nur ElitelĂ€ufer.


MĂ€nner sind anders - Frauen auch

Bleibt die Frage, ob man die Ergebnisse auch auf den durchschnittlichen UltralĂ€ufer ĂŒbertragen kann. Hierzu mĂŒssen wir selbst in die Daten schauen. Wobei das gar nicht so einfach ist, denn bei Ultra(trail)lĂ€ufen sind aufgrund von Höhenmetern und unterschiedlicher Streckenbeschaffenheit die erste und zweite StreckenhĂ€lfte hĂ€ufig nicht vergleichbar. Genauer: ein hypothetischer LĂ€ufer, der tatsĂ€chlich einen kompletten Ultralauf mit konstanter Leistung lĂ€uft, muss nicht zwangslĂ€ufig die beiden StreckenhĂ€lften gleich schnell laufen.

In den USA gibt es einen Lauf, der sich trotzdem fĂŒr eine Untersuchung der Pacing-Strategie eignet: Der Javelina Jundred in Arizona. Dieser Lauf wird auf einem Rundkurs ausgetragen und ermöglicht so einen direkten Vergleich der Geschwindigkeit von Runde zu Runde. Zwar hat sich die Strecke und die Zahl der Runden ĂŒber die Jahre mehrmals geĂ€ndert, aber in den Jahren 2013-2015 war die StreckenfĂŒhrung konstant: Es wurde sechsmal eine Runde von 15,3 Meilen gelaufen, zum Abschluss nochmal 8,2 Meilen - macht zusammen 100 Meilen. Vergleicht man nun die Runden 1-3 mit den Runden 4-6, dann kommt man zu dem Ergebnis, dass es kaum jemand schafft, tatsĂ€chlich einen „even Split“ oder gar einen „negative Split“ zu laufen: In der zweiten HĂ€lfte sind die LĂ€ufer im Durchschnitt 30% langsamer – der Leistungsabfall in der zweiten HĂ€lfte ist also viel grĂ¶ĂŸer als beim Marathon. Außerdem nehmen der Mittelwert und die Streuung dieses Leistungsabfalls zu, je langsamer die LĂ€ufer sind. Wenn man aber MĂ€nner und Frauen vergleicht, so ist der Leistungsabfall in der zweiten HĂ€lfte nahezu identisch: 32,2% bei den Frauen, 32,5% bei den MĂ€nnern.


Geschwindigkeitsreduktion auf der 6. Runde des Javelina Jundred im Vergleich zur 1. Runde: Je langsamer die LĂ€ufer, umso grĂ¶ĂŸer die Unterschiede im Pacing. Dabei ist bei den MĂ€nnern im Durchschnitt ein höherer Leistungsabfall zu verzeichnen als bei Frauen.


Sind also hinsichtlich Pacing die Unterschiede zwischen MĂ€nnern und Frauen beim Ultramarathon nicht mehr vorhanden? Das könnte eine ErklĂ€rungshypothese sein, aber die muss nicht stimmen. Vielleicht schafft es einfach niemand, eine falsche Pacing-Strategie ĂŒber 50 Meilen durchzuhalten.

Deshalb lohnt noch einmal ein genauerer Blick in die Daten: Vergleicht man nĂ€mlich Runde 6 mit Runde 1 beim Javelina Jundred, dann wird der Unterschied wieder sichtbar: MĂ€nner laufen die sechste Runde im Durchschnitt 60,8%, Frauen nur 57,8% langsamer als die erste. Sicher: von einer gleichmĂ€ĂŸigen Geschwindigkeit sind beide weit entfernt - aber die MĂ€nner eben noch weiter als die Frauen.



UTMB: Geschwindigkeitsabfall auf dem Endabschnitt Champex Lac-Chamonix im Vergleich zur Anfangsstrecke Chamonix-Chapieux. Auch hier zeigen sich die Tendenzen wie beim Javelina Jundred: Frauen laufen im Mittel die Splits etwas gleichmĂ€ĂŸiger als MĂ€nner.

Und noch ein letzter Griff in die Datenkiste: Wenn wir von Ultramarathons reden, sollte auch der UTMB nicht außen vor bleiben. Da hier die Strecke eine große Schleife ist, kann man natĂŒrlich anhand der Splits nicht beurteilen, ob die LĂ€ufer mit einer gleichmĂ€ĂŸigen Leistung laufen. Aber man kann die Splits von Frauen und MĂ€nnern vergleichen. Und die Ergebnisse hier bestĂ€tigen auf frappierende Weise das, was wir schon beim Javelina Jundred gesehen haben. Vergleicht man die Zeiten fĂŒr die erste und die zweite „HĂ€lfte“ (Chamonix-Courmayeur bzw. Courmayeur-Chamonix), so sieht man eine geringfĂŒgige Tendenz, dass Frauen auf der zweiten HĂ€lfte das Tempo besser halten können als die MĂ€nner. Dieser Trend wird deutlicher, wenn man die Zeiten fĂŒr das letzte „Viertel“ (Champex Lac – Chamonix) mit denen fĂŒr das erste „Viertel“ (Chamonix – Chapieux) vergleicht: Hier sind die Splits der Frauen um 3% konstanter als die der MĂ€nner. Da ist er wieder, der Unterschied von 3% - wie schon beim Houston Marathon und beim Javelina Jundred ...


Das Fazit: Mag auch die Physiologie beim Ultramarathon auf Seiten der MĂ€nner stehen – die Psychologie gibt den Frauen zumindest einen kleinen Vorteil. Eine gute Nachricht – denn Frauen haben nicht nur mit Nachteilen in der Physis zu kĂ€mpfen, sondern mit so manch anderen Hindernissen. Mit denen beschĂ€ftigt sich dann der vierte Teil 





Zu Teil 1: Der XX-Faktor im Ultrarunning: Mythen
Zu Teil 2: Der XX-Faktor im Ultrarunning: Dabei sein ist alles
Zu Teil 3: Der XX-Faktor im Ultrarunning: Zwischen den Ohren
Zu Teil 4: Der XX-Faktor im Ultrarunning: Mit zweierlei Maß 
Zu Teil 5: Der XX-Faktor im Ultrarunning: Eine Sache der Werte    
Zu Teil 6: Der XX-Faktor im Ultrarunning: The Why
 

Außerdem gibt es folgende weiterfĂŒhrende Artikel zum Thema: 




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