Das Wunder von Annecy

Foto: @nikz.focus, DLV


 

von Sabine


Hand aufs Herz: Wer hätte gedacht, dass die deutschen Läuferinnen und Läufer bei den European Off-Road Championships in Annecy so super abschneiden würden? Vor zwei Jahren, bei den ersten European Off-Road Championships in El Paso gab es eine Goldmedaille (Lukas Ehrle, Uphill, U20), die zweitbeste Platzierung war Rang 6 von Domenika Mayer beim Uphill der Damen. 

Und in diesem Jahr: Drei Goldmedaillen! Zwei davon gewann Nina Engelhard, der 26-jährigen Athletin vom PSV Grün Weiß Kassel – eine im Uphill und eine im Up & Down. Eine weitere Goldmedaille gewann Julia Ehrle im Uphill U20. Die erst 16-jährige Schwarzwälderin ist die jüngere Schwester von Lukas Ehrle, der in diesem Jahr bei den Senioren startete und Bronze im Uphill sowie Silber im Up&Down holte. Das macht zusammen: fünf Medaillen in insgesamt 10 Laufwertungen. Dazu kommen noch ein sehr beachtlicher achter Platz von Benedikt Hoffmann in der Disziplin Trail sowie ebenfalls Platz 8 von Hanna Gröber im Up&Down. 

Da kann man nur sagen: Herzlichen Glückwunsch – an diese Athleten, aber auch an das ganze Team!

Hier ein paar Beobachtungen und Gedanken.



Zielvorgabe erreicht!

Die Nominierungsrichtlinien des DLV für die EM sahen vor, dass nominierte TeilnehmerInnen mindestens die Chance auf eine Platzierung in der vorderen Hälfte des Teilnehmerfelds haben müssen. Eine Mannschafft sollte nur in den Disziplinen aufgestellt werden, in der man die Chance auf Platz 6 oder besser sah.

In der Mehrzahl der Fälle (bei 13 von 21 Einzelstarts und 3 von vier Teamstarts) wurde dieses Ziel erreicht. Auch diejenigen, die es nicht in die Top 10 schafften, lieferten solide Leistungen und liefen im Bereich ihrer Möglichkeiten. Für Team-Medaillen fehlte in den meisten Disziplinen bei der deutschen Mannschaft noch etwas die Leistungsdichte. 



Sensationssiege bei mageren Mitteln

Dass es so viele Top-Platzierungen geben würde, war vor allem wegen der Unruhe im Vorfeld nicht erwartet worden. So gab es Kritik an der späten Veröffentlichung der Mannschaft und daran, dass für den Trailwettbewerb nur je ein Läufer und eine Läuferin nominiert wurde: Benedikt Hoffmann und Lisa Wimmer. Die Gründe hierfür waren vielfältig: Es hagelte im Vorfeld Absagen seitens der Top TrailläuferInnen. Und einfach die Startplätze aufzufüllen, wurde auch nicht in Betracht gezogen. Denn: Die finanziellen Mittel sind sehr knapp – weil der Berg- und Traillauf beim DLV in der Kategorie „Gesundheits- und Breitensport“ angesiedelt ist. Von Seiten der Expertenvertretung in der Projektgruppe Berglauf/Trail, bestehend aus Ida-Sophie Hegemann, Florian Reichert, Michael Sommer und Timo Zeiler, ist man zwar derzeit bemüht, diese Situation zu verändern. Wenn man es schafft, dass der Trail- und Berglauf beim DLV als Nicht-olympischer Leistungssport geführt wird, dann – so sagte mir Timo Zeiler – wäre das Budget ein ganz anderes. Das Problem ist nur: Hierfür will der DLV bei den internationalen Meisterschaften Einzelmedaillen sehen. Die beiden Einzelmedaillen aus Innsbruck – Silber durch Katharina Hartmuth und Bronze durch Filimon Abraham – reichten nicht aus. Und – so Timo weiter: Mannschaftsmedaillen zählen in dieser Beurteilung nicht. 

Das ist nun ein Zirkelschluss erster Güte: Es gibt keine ausreichenden Förderungsmaßnahmen und man bekommt keine schlagkräftige Mannschaft zusammen, weil das Budget nicht ausreicht. Aber um zu mehr Budget zu erlangen, bräuchte man eine schlagkräftige Mannschaft, die die geforderten Podestplätze erringt. 

Die einzige Möglichkeit, diesen gordischen Knoten zu durchschlagen, sind Spitzenleistungen von Einzeltalenten. Und genau das ist in diesem Jahr passiert. Deutschland ist im Medaillenspiegel auf Platz 2, wenn man ausschließlich die Einzelmedaillen berücksichtig. 

Ich hoffe, dass die Verantwortlichen für den Berg- und Traillauf mit diesen Erfolgen im DLV etwas bewegen können ...


Medaillenspiegel der Einzelmedaillen bei den European Off-Road Championships in Annecy




Die Flucht auf die kürzeren Strecken 

Was auch auffiel: Viele von denen, die man im Trailrennen erwartet hätte, starteten in den Berglaufdisziplinen: eine Judith Wyder, eine Emelie Forsberg und ein Petter Engdahl. Genau wie Moritz auf der Heide. 

Das könnte auch ein Fingerzeig sein: Man will gerne fürs Nationalteam antreten – aber eine Strecke von gut 60 km (sie wurde schließlich aufgrund der Wetterkapriolen verkürzt) mag so manchem Athleten und so mancher Athletin dann doch zu lang sein und nicht in die Saisonplanung passen. Hier wäre nachzudenken, ob man in Zukunft bei Europameisterschaften nicht nur einen „Trail Short“ anbietet. 



Die französische Phalanx

Bei ihrer Heim-EM haben die französischen LäuferInnen ihre Vormachtstellung zementiert: Bei sieben von zehn Wertungen gewannen sie den Teamwettbewerb, räumten 13 der 30 Einzelmedaillen ab und besetzten in drei Wettbewerben sogar das komplette Podest! Man fragt sich allmählich, wie man dieser Übermacht begegnen kann. Die Franzosen haben nicht nur SpitzenläuferInnen, man muss ihnen neidlos zugestehen, dass sie auch eine Leistungsdichte aufbringen, die ihresgleichen sucht. Chapeau!



Leistungsdichte im Trailrunning steigt

Was auch auffällt: Im Vergleich zu den ersten gemeinsamen Off-Road Championships vor zwei Jahren in El Paso war  die Leistungsdichte bei den TeilnehmerInnen im Trailrunning deutlich höher: Vor zwei Jahren entsprach Platz 20 einem ITRA Race Score von 811 bei den Männern bzw. 656 bei den Frauen – in diesem Jahr betrugen die entsprechenden Scores 842 bzw. 710. Und für die vordere Hälfte des Teilnehmerfelds, die für die Nominierung der Deutschen LäuferInnen relevant war, waren die Scores bei >790 bzw >690. In dieser „Preisklasse“ hätten sich dann doch noch der eine oder andere Athlet bzw. die eine oder andere Athletin aufgedrängt, wenn man denn das nötige „Kleingeld“ gehabt hätte. 



Berg- UND Traillauf

Insgesamt muss man sagen: Die Zusammenlegung der internationalen Meisterschaften beim Berg- und Traillauf hat sich als Erfolgsmodell erwiesen. Auch wenn die Berichterstattung nicht mit derjenigen der WM in Innsbruck zu vergleichen war. Und dann hatte man auch noch Dauerregen und es gab im wahrsten Sinn des Wortes eine Schlammschlacht. 

Aber dennoch: Die gestiegene mediale Aufmerksamkeit tut beiden Disziplinen gut. Das ist wichtig für den Sport, aber auch wichtig für das Standing der internationalen Meisterschaften gegenüber der Vielzahl von prominenten Rennen und Rennserien. Denn so mancher Sponsor sieht keinen intrinsischen Wert darin, wenn ihre AthletInnen bei der EM oder der WM starten. Das ist sehr schade – und lässt sich nur dadurch ändern, dass die Championships immer mehr Sichtbarkeit erlangen. 

Grundsätzlich hat die EM gezeigt: Die Grenzen zwischen Berg- und Traillauf verschwimmen. Da gibt es AthletInnen, die sich vom Berglauf zu den längeren Strecken, also zum Trail, weiterentwickeln. Und andere wechseln vom Traillauf zum Berglauf, weil es besser passt. 

Und zum Ende eine Bitte an die Verantwortlichen: Warum ist es nicht möglich, eine einheitliche Nomenklatur zu verwenden. Warum heißt es bei der WM „World Trail and Mountain Running Championships“, bei der EM dagegen „European Off-Road Championships“? Warum heißt der Vertical bei der EM „Uphill“, der Mountain Classic „Up&Down“. Keep it simple! Nur so entsteht eine neue Marke ... 



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