Berglauf – Quo vadis



Moritz auf der Heide bei der Berglauf Langdistanz WM in Villa la Angostura in Argentinien. Foto: World Mountain Running Championships 2019



von Sabine

Es war ein PR-Coup vom Feinsten, als die ehemalige Biathletin Laura Dahlmeier Anfang Oktober vom DLV zur Langdistanz-Berglauf WM in Argentinien nachnominiert wurde. Empfohlen hatte sie sich durch zwei erste Plätze in dieser Saison: beim Zugspitz Basetrail XL und beim Karwendellauf. Und das Konzept schien aufzugehen. Während sonst das Wort „Berglauf“ höchstens von Lokalredaktionen kleinerer Zeitungen in den Mund genommen wird, wurde plötzlich von allen Medien – inclusive den beiden großen öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten – über die Berglauf WM berichtet. Oder besser: Über die Teilnahme von Laura Dahlmeier an dieser WM. Denn die sympathische Ausnahmebiathletin besitzt in Saison 1 nach ihrem Rücktritt immer noch so viel mediale Strahlkraft, dass der Fokus bei Berichten ganz und gar auf ihr liegt. Und dabei fallen die besseren Platzierungen von Moritz auf der Heide (Platz 13) und Benedikt Hoffmann (Platz 21) unter den Tisch. Das ist nicht die Schuld von Laura Dahlmeier – sie hat von Anfang an ihre Teilnahme an der Berglauf WM eher heruntergespielt. Hat immer betont, dass sie sich freut und sich geehrt fühlt, Deutschland zu vertreten, dass sie aber nach dem Rücktritt aus dem Profisport ohne Druck laufen will. Aber für die Medien ist sie der „Aufhänger“, der die Quote bringt – Informationen über das Berglaufen als Sportdisziplin und die anderen Teilnehmer gibt es kaum.

Aber warum braucht es überhaupt einen solchen PR-Coup, um den Berglauf ins Gespräch zu bringen?



Sandwich-Position zwischen Skyrunning und Trailrunning

Der Berglauf ist – verglichen mit Trailrunning und Skyrunning – eine vergleichsweise alte Disziplin. Die World Mountain Running Association (WMRA), der internationale Berglaufverband, kann gemeinsam mit seiner Vorgängerorganisation (International Committee for Mountain Running) auf eine bislang 35-jährige Geschichte zurückblicken. Einige nationale und internationale Bergläufe sind sogar noch älter: So wird das Ben Nevis Race seit 1951 kontinuierlich ausgetragen, der Pikes Peak Ascent seit 1959, Sierre-Zinal seit 1974, das Mt. Washington Road Race seit 1961, der Brocken-Berglauf seit 1927 (mit Unterbrechungen) und der Hochfelln-Berglauf seit 1974. Während Trailrunning und Skyrunning in den letzten 10 Jahren einen wahren Läuferboom erfahren haben, konnte der Berglauf davon kaum profitieren. Und die wenigen Berglauf-Veranstaltungen, die großen Zulauf erfahren, sind ausgerechnet diejenigen, die sowieso schon hart an der Grenze zu Trail- oder Skyrunning sind – beispielsweise Sierre-Zinal oder das Broken Arrow Skyrace in Kalifornien.

Grundsätzlich stellt sich die Frage der Abgrenzung zwischen Berglauf und seinen Nachbardisziplinen. Denn unter dem Label „Skyrunning“ hat sich eine Disziplin etabliert, die eigentlich ein lupenreiner Berglauf ist: Der Vertical K. Das sind 1000 Höhenmeter auf maximal 5 km. Gibt’s auch als Double Vertical K und Triple Vertical K. Einige dieser Rennen sind im Vertical Kilometer World Circuit organisiert. Nicht etwa, wie man erwarten könnte, unter dem Dach der WMRA, sondern unter dem Label der International Skyrunning Federation (ISF).

Anders als Skyrunning ist der Berglauf nur unzureichend definiert. Was ist ein Berg? Welche Mindesthöhe muss der haben? Da haben Läufer aus unterschiedlichen Regionen und Nationen unterschiedliche Vorstellungen. Entsprechend versteht man in Ländern, die hohe Berge haben, unter Berglauf einen „upward run“. In Ländern mit eher hügligen Landschaften ist ein Berglauf dagegen traditionell ein „up-and-down run“.  Fazit: Bei den WMRA Weltmeisterschaften alterniert man zwischen upward und up-and-down. Und wie lang ist ein Berglauf? Die klassischen Bergläufe sind selten länger als 15km … aber dann wären da noch die Langdistanzrennen. Und die wiederum haben eine große Überlappung mit einem Trailrunning-Segment, das immer beliebter wird: Läufe mit Streckenlängen von 30km bis Marathon. Ein Beispiel: Der Patagonia Run 42k. Das ist die Strecke, auf der vor kurzem die Langdistanz Berglauf WM ausgetragen wurde. Und genau auf dieser Strecke wird im nächsten Jahr das Abschlussrennen der Golden Trail World Series stattfinden. Eine Strecke – in einem Jahr ein Berglauf, im anderen ein Trailrun.

Wozu also das gleiche Rennen unter verschiedenen Labels? Diese Frage scheinen sich auch die Sponsoren zu stellen. Während sehr viel Geld in Trailevents fließt, haben Berglaufveranstaltungen es viel schwerer, entsprechende Einnahmen zu generieren. Das führt auch dazu, dass die Preisgelder im Berglauf oft nur ein Bruchteil des Preisgeldes im Skyrunning sind. So lobt die Skyrunner World Series beispielsweise am Ende der Saison für die 10 besten Männer und Frauen ein Preisgeld von insgesamt 75000 Euro aus. Dem gegenüber stehen 11200 Euro beim WMRA World Cup. Dazu kommt, dass man im Berglauf nicht überall mit der Zeit geht. So gibt es beispielsweise „nach alter Väter Sitte“ bei vielen Veranstaltungen noch unterschiedliche Preisgelder für Frauen und Männer. Nicht etwa nur bei Klein- und Kleinstveranstaltungen, sondern beispielsweise beim Drei-Zinnen-Lauf, beim Hochfelln Berglauf oder beim Schlickeralmlauf.



Redundanz

Wie soll man mit der Redundanz umgehen zwischen den drei eng verwandten Disziplinen? Zumindest bei den Verbandsweltmeisterschaften will man ab 2021 „abspecken“: Unter dem WMRA-Präsidenten Jonathan Wyatt haben WMRA und die International Trail Running Association (ITRA) vereinbart, ihre Weltmeisterschaften gemeinsam unter dem Dach der IAAF durchzuführen. Ein mehr als notwendiger Schritt, denn aufgrund des immer größer werdenden Angebots an Wettkämpfen und der immer volleren Wettkampfkalender winken viele Spitzenathleten dankend ab, wenn sie für internationale Meisterschaften nominiert werden sollen. Und so sind es nicht die Besten der Besten, die dort antreten, sondern eine Auswahl derer, die gerade Zeit haben und die das Laufen im Nationaltrikot lukrativeren Verdienstmöglichkeiten vorziehen.

Die Zusammenlegung der Weltmeisterschaften ist schon mal ein Anfang … aber auch nicht mehr.
Der „Markt“ ist unübersichtlich geworden, mit diversen Spitzenevents, mit mehreren Rennserien und Meisterschaften. Schön für den Breitensport, schlecht für die Spitze, denn auch durch die „Ausflüge“ von Läuferinnen und Läufern in die Nachbardisziplinen gelingt es kaum einem Event, wirklich die Mehrzahl der Top-Läufer zu versammeln. Nur eine Konsolidierung der Wettkampflandschaft wird auf Dauer wirklich spannende Wettbewerbe ermöglichen.



Und in Deutschland? Nischensportart mit weiteren Problemen

In Deutschland gibt es durchaus eine Berglauf-Tradition. Nicht nur in den Alpen, auch in den Mittelgebirgen – von Schwarzwald über die Pfalz, dem Siebengebirge, Erzgebirge bis hin zum Harz. Die meisten Veranstaltungen wurden in den 1980er und 90er Jahren ins Leben gerufen, hatten den höchsten Zuspruch zwischen 2000 und 2010. Seitdem entwickeln sich die Veranstaltungen uneinheitlich – bei den einen bleibt die Teilnehmerzahl annähernd konstant, bei anderen nimmt sie ab. Grundsätzlich scheint es aber so, dass der Berglauf hierzulande vom Trailrunning-Boom nicht profitiert, sondern dass Läuferinnen und Läufer tendenziell zu Trailrunning-Veranstaltungen abwandern.

Das liegt zum einen an den oben beschriebenen Problemen, die der Berglauf auch in anderen Ländern hat. Aber dann gibt es ein Problem, das hausgemacht ist. Wenn man sich etwas näher mit dem Berglauf in Deutschland beschäftigt, fällt vor allem eines auf: Die Szene ist unglaublich zerstritten. Den Verantwortlichen werden Unfähigkeit und fehlende Transparenz bei Nominierungen vorgeworfen, wobei das noch die freundlicheren Formulierungen sind. Die für internationale Events ausgewählten Athleten werden mit Hohn und Spott belegt, ihnen ihre Fähigkeit zu kompetitiven Platzierungen abgesprochen. Bei solch geballten Attacken und einer fortwährenden Hetze fragt man sich, warum sich überhaupt noch Athleten, Trainer oder Betreuer dazu hergeben, für den Verband zu starten.

Ist diese Kritik berechtigt oder nicht? Diese Frage ist meines Erachtens zunächst zweitrangig. Denn es ist der Ton, der hier die Musik macht, der Kritik zur Hetze werden lässt. Und das ist unwürdig für den Sport und fügt ihm Schaden zu.

Aber in einem zweiten Schritt muss man sich auch die Argumente ansehen, die hier ins Feld geführt werden. Denn von außen ist oft gar nicht so einfach nachzuvollziehen, wer hier eigentlich Recht hat.



Faktencheck: Die Causa Berglauf WM in Argentinien; Nominierung und Abschneiden

Machen wir mal den Faktencheck am Beispiel der Berglauf WM in Argentinien. Hier standen sowohl die Nominierung des deutschen Teams als auch das Abschneiden – vor allem von Laura Dahlmeier – unter heftigstem Beschuss.

Fangen wir mal mit letzterem an. Wiederholt wurde kolportiert, Laura Dahlmeier wäre als 27. Frau auf dem drittletzten Platz gelandet. Das ist falsch. Sie wurde 27. von 84 gestarteten Läuferinnen bzw. 75 Finisherinnen und schnitt damit nur 3 Plätze hinter der Vorjahreszweiten bei der Langdistanz Berglauf WM, die Polin Dominika Stelmach, ab.


Laura Dahlmeier bei der Berglauf Langdistanz WM in Villa la Angostura in Argentinien. Foto: World Mountain Running Championships 2019

Ebenso falsch sind die Behauptungen, die insinuieren, dass das deutsche Team, insbesondere aber Laura Dahlmeier nur deshalb so gut abgeschnitten hätten, weil die Läufer aus Kenia und Uganda wegen Visaproblemen nicht am Start waren: „…dabei hatte Laura Dahlmeier noch unverschämtes Glück, wie auch Andere, dass Afrikanerinnen nicht am Start zugelassen wurden - und sogar noch zwei absolute Weltklasse - läuferinnen, Maude Mathys und Judith Wyder nicht ins Ziel kamen.“ (Berglaufpur, Aktuelles 2019, hier 19.11.). Die Argumentation mit den nicht angetretenen Läufern aus Kenia und Uganda ist schlichtweg falsch, denn bei den Langdistanz-Weltmeisterschaften haben die Afrikaner noch nie die Rolle gespielt, die sie in der klassischen Distanz haben. So war bei der Langdistanz-WM bei den Frauen keine Afrikanerin von der Visaproblematik betroffen, bei den Männern zwei Kenianer. Außerdem ist es sehr abenteuerlich, das DNF der Gewinnerin der Salomon Golden Trail Series, Judith Wyder, und der Gewinnerin und Streckenrekordinhaberin des legendären Sierre-Zinal, Maude Mathys, als glückliche Fügung für das Abschneiden von Laura Dahlmeier darzustellen. Jedes Finish wird in Ranglisten – zu Recht – höher angerechnet als ein DNF. Somit müsste man  eigentlich sagen: Laura Dahlmeier hat diesen schwierigen Kurs besser bewältigt als ausgewiesene Top-Läuferinnen wie Judith Wyder und Maude Mathys.

Schwieriger wird die Sache, wenn es um die Nominierung geht. Nun kennt man auch aus anderen Sportarten, dass es dem einen oder anderen Fan nicht gefällt, welche Mannschaft der Trainer aufstellt. Aber nach der Nominierung des Berglauf-Teams für die WM und nach der Nachnominierung von Laura Dahlmeier gab es nicht nur diverse offene Briefe an den DLV. Vor allem von dem Betreiber der Seite „Berglaufpur“, Helmut Reitmeir, wurden in seiner „Auseinandersetzung“ mit der Nominierung des deutschen Teams teils persönliche Angriffe laut (Berglaufpur, Aktuelles Oktober 2019, siehe 8.10. und 2.10.):

„Die deutschen Nominierungen für die Langstrecken "WM" am 15. Nov. 2019 in Argentinien.
 

Männer
  • Florian Reichert
  • Benedikt Hoffmann
  • Moritz auf der Heide

Frauen

  • Stefanie Doll
  • Laura Dahlmeier
Außer Florian Reichert hat sich kein Athlet/in nach den Vorgaben/Regularien vom DLV qualifiziert. Für die Qualifikation wurde der Zugspitz Trail als Bedingung, sowie ein 6. Platz bei der EM angesetzt.
 

Benedikt Hoffmann nahm 2019 an keinem einzigen längeren Bergtrail  teil, wie z.B. Florian Reichert mit guter Platzierung von Weltklasseläufern am Zegama aizkorri Bergmarathon mit 5470 Hm  kumuliert. Bei der EM in Zermatt verhinderte Kurt König zugunsten der Günstlingswirtschaft für Marcel Krieghoff die Teilnahme von Benedikt Hoffmann.
 

Moritz auf der Heide gab eine miserable Vorstellung am Sierre Zinal ab mit dem 58. Platz, außerdem nahm er nicht an der EM teil und zusätzlich nicht einmal am Zugspitz Trail. Schon eigenartig diese Nominierung, riecht ebenso nach Günstlingswirtschaft. Leistungsmäßig käme da sogar Hannes Namberger eher in Frage, mehrere gute Ultra Bergläufe im Kreuz.
 

Stefanie Doll ebenso keinen Ultra Bergtrail absolviert, dafür wurde sie sechste bei der EM als beste Deutsche. Im Marathonlauf  erreichte sie eine gute Platzierung in Berlin mit 2:35: 33 Std. OK, hier kann man für die Nominierung beide Augen zudrücken.
 

Laura Dahlmeier lief noch nie einen Bergultra, hat sich beim Zugspitz Trail qualifiziert, aber eine ernsthafte Konkurrenz war nicht vorhanden. Keine Teilnahme an der EM, außerdem hat sie überhaupt noch an keinem Berglauf teilgenommen.
 

Eine reine Show-manager-Nominierung durch Kurt König und der Fachabteilung Berglauf!“
 


Es gibt klare Nominierungsrichtlinien für die Berglauf WM, nachzulesen in den „Nominierungsrichtlinien Berglauf 2019“ des DLV (Stand 1.4.2019). Hierin stehen in Abschnitt 3.4.2. als Nominierungsanforderungen:
  • Hochwertige Platzierung beim Zugspitz Basetrail XL 2019
  • In Ausnahmefällen ersatzweise ein hochwertiges Resultat bei einer Berglauf/Trailrunningveranstaltung auf der Langdistanz bis Marathon (Höhendifferenz mindestens 1500HM bergauf/bergab)
  • Falls ein solches Ergebnis 2019 nicht nachgewiesen werden kann, wohl aber 2018, dann muss 2019 ein zusätzlicher Leistungsnachweis erfolgen (Männer: 1:10:00 für Halbmarathon, 2:25:00 für Marathon; Frauen: 1:20:00 für Halbmarathon, 2:40:00 für Marathon).

Wie sieht es nun mit der Qualifikation der nominierten Athleten aus?
  • Florian Reichert: Qualifiziert über den 15. Platz beim Zegama Marathon; zusätzlich Sieger beim exzellent besetzten Zugspitz Supertrail und 9. Platz beim Transvulcania (wobei beide Wettbewerbe eigentlich nicht dem Qualifikationsformat entsprechen, da sie deutlich länger als Marathon sind).
  • Benedikt Hoffmann: Sieg beim Zermatt-Marathon 2019 und beim Stilfserjoch-Marathon. Zudem zweimal hervorragende Zeiten im 50km Lauf flach bei der DM und der Straßenlauf-WM (2:54:43 und 2:55:09), das würde bei sehr konservativer Rechnung einer Marathonzeit von 2:27:00 entsprechen. Hat formal nicht die Qualifikationskriterien erfüllt, da die beiden Bergmarathons zwar deutlich mehr als 1500 Höhenmeter bergauf, aber weniger bergab haben. Allerdings ist das eher eine Frage nach dem Buchstaben als nach dem Sinn der Nominierungsrichtlinien.
  • Moritz auf der Heide: Qualifiziert über den 1. Platz beim Eiger Ultra Trail E35.
  • Stefanie Doll: Sechste bei der Berglauf EM 2019 in Zermatt (keine Langdistanz). Platz 14 bei der Berglauf WM 2018 in Andorra (keine Langdistanz). Beim Berlin Marathon mit 2:35:33 zweitbeste Deutsche. Formal nicht qualifiziert, aber auch hier: Die Kombination aus hervorragender Marathonzeit mit sehr guten Plätzen auf den klassischen Berglaufdistanzen erfüllen zwar nicht den Buchstaben, wohl aber den Sinn der Nominierungsrichtlinien.
  • Laura Dahlmeier: Qualifiziert über ihren 1. Platz beim Zugspitz Basetrail XL 2019. Daneben 1. Platz beim Karwendelmarsch 2019 und 3. Platz beim Zugspitz Supertrail 2018 (beide länger als Marathondistanz, zählen daher formal nicht als Qualifikationskriterien). 

Von fünf Athleten haben also drei die Nominierungskriterien vollumfänglich erfüllt, die beiden anderen erfüllten die Nominierungskriterien vom Sinn, nicht aber vom Buchstaben her. Warum also die Aufregung?

Nun kann man sich natürlich fragen, ob das die besten Athleten, die Deutschland für eine Langdistanz Berglauf WM zu bieten hat. Wie oben schon geschrieben: Die Langdistanz WM fand in diesem Jahr auf einer Strecke statt, die eher ein Traillauf (Marathondistanz) ist. Daher kann man da auch mal einen Blick in die ITRA-Rangliste, aufgestellt nach dem sogenannten Performance Index, werfen. Dieser Performance Index berücksichtigt die Leistungen der letzten 36 Monate in allen Rennen, deren Resultate der ITRA vom Veranstalter zugegangen sind. Wenn man sich speziell die Rangliste für die Kategorie S ansieht (in diese Kategorie fällt auch die Strecke der Berglauf Langstrecken WM), dann ergibt sich folgendes Bild:

Die besten sechs Männer und Frauen aus Deutschland gemäß ITRA Performance Index, Streckenkategorie S (km-effort: 45-74, Siegerzeit: 2 1/2 - 5 Stunden)



Nun hat dieser ITRA Performance Index ein paar Schwächen, wenn man ihn zu der Beurteilung heranziehen will, und dies betrifft vor allem die Tatsache, dass zwar aktuelle Ergebnisse stärker gewichtet werden, man aber nicht erkennen kann, ob ein Läufer derzeit (z.B. aufgrund von Verletzungen) überhaupt einsatzfähig ist bzw. diese Leistungen bringen kann. Dies trifft in der obigen Aufstellung z.B. auf Michelle Maier zu (komplette Saison 2019 verletzt) sowie auf Elisabeth Fladerer und Stefan Knopf (keine Ergebnisse aus 2019).

Immerhin tauchen vier der fünf für die Berglauf-WM nominierten Sportlerinnen und Sportler auf Top-Plätzen des ITRA Performance Index (Kategorie S) auf. Nur Stefanie Doll fehlt, da sie – wie oben schon geschrieben – bislang nie auf Trails dieser Streckenlänge unterwegs war, wohl aber auf klassischen Berglaufstrecken und beim Marathon (flach). Neben diesen ausgewählten Läufern hätten sich auch Eva Sperger (Siege u.a. beim Hochkönig Skyrace und Schlegeis Skyrace, daneben Sieg beim GGUT 110km), Sebastian Hallmann (Siege beim Pitz Alpine P42, Stuiben Trail 33k und Mayrhofen Zillertal Ultraks 30k) und Hannes Namberger (in diesem Jahr eher auf längeren Strecken unterwegs, Sieg beim Mayrhofen Zillertal Ultraks 54k, 10. Platz beim Transvulcania und 4. Platz beim Royal Ultra Sky Marathon) angeboten. Mir liegen keine Informationen vor, ob diese kontaktiert wurden oder nicht.

Andere jedoch, die sich in offenen Briefen an den DLV selbst ins Gespräch gebracht haben (Christoph Hillebrand) oder ins Gespräch gebracht wurden (Domenik Müller, Konstantin Wedel, Jule Behrens, Domenika Mayer) schneiden bzgl. des ITRA Performance Index sehr viel schlechter ab als die nominierten Athleten oder weisen überhaupt keine Rennergebnisse bei Trail-/Bergläufen in diesem Distanzbereich auf.

Fazit: Auch wenn man sich darüber streiten kann, ob die eine oder andere zusätzliche Nominierung erfolgversprechend gewesen wäre - die Athletenauswahl ist beileibe nicht so daneben, wie sie von einigen dargestellt wird. Und das sowohl vor dem Hintergrund der offiziellen Nominierungskriterien wie auch hinsichtlich des ITRA-Rankings. Vieles von dem, was in diesem Zusammenhang geschrieben wurde, kann man nur als bewusste  Fehlinformation bezeichnen. Und leider haben einige Berglauf-Interessierte nicht genügend unabhängige Informationen und hauen in die gleiche Kerbe.



Quo vadis, Berglauf?

Wichtig ist es, aufzuwachen. Wir schreiben nicht mehr die 1990er oder 2000er Jahre. Mittlerweile sind der Disziplin Berglauf zwei starke Nachbardisziplinen als Konkurrenz erwachsen: Skyrunning und Trailrunning.

Wenn der Berglauf aus Disziplin auf die Dauer überleben will, ist es wichtig, den Fokus der Disziplin stärker zu schärfen, mit den Nachbardisziplinen zu kooperieren und gleichzeitig Redundanzen zu vermeiden. Dies betrifft sowohl die klassischen Bergläufe (Überschneidung mit VK/Skyrunning) wie auch die Berglauf-Langdistanz (Überschneidung mit Trailrunning). Wir brauchen auch keinen Streit darüber, wann ein Berg ein Berg ist. Da hilft der Blick in andere Disziplinen. Warum kann man die Bergläufe/VKs nicht in unterschiedliche Kategorien mit unterschiedlicher Gesamthöhe und Durchschnittssteigung einteilen wie beim Radfahren? Oder wie beim „Mountain Level“ der ITRA: Hier werden die Durchschnittshöhe, der längste kontinuierliche Anstieg und die Durchschnittssteigung berücksichtigt. Dies wäre für Veranstalter und Läufer transparent und würde bessere Vergleichbarkeit von Leistungen zulassen.

Wenn der Berglauf überleben will, muss aber auch seine Attraktivität steigern. Trailrunning und Skyrunning werden als cool empfunden. Und Berglauf? Die meisten Internet-Auftritte sind sehr bieder und schlecht gepflegt. Anders als die Nachbardisziplinen sind Bergläufe in den sozialen Medien, aber auch in den Printmedien sehr viel weniger präsent. Aber auch die Veranstaltungen selbst haben noch Nachholbedarf, wirken oft ein wenig angestaubt. Nein, den derzeitigen Berglauf kann man nicht als cool bezeichnen.

Man kann natürlich auch die gegenteilige Richtung einschlagen und den Berglauf als klaren Kontrapunkt zum Trailrunning und Skyrunning entwickeln – analog zum britischen Fellrunning: authentisch, bodenständig, low-tech, no-frills. Auch das könnte dem Berglauf neue Attraktivität verschaffen.

Aber eines ist mit Sicherheit weder cool noch attraktiv: Streit, Hetze und persönliche Verunglimpfung. Darauf hat kein Sportler Bock. Ich würde hoffen, diejenigen, die ständig Öl ins Feuer gießen, würden das unterlassen. Allerdings halte ich das nicht für realistisch. Daher gibt es wohl nur einen Weg: Offensiver als bisher mit diesen Angriffen umzugehen. Entscheidungen transparent zu machen und zu kommunizieren. Vor allem zum Schutz der Sportler, die sich für internationale Events aufstellen lassen.

Vielleicht könnte es helfen, das Nominierungssystem nochmals zu überdenken. Ich halte es bei den derzeit eng getakteten Wettkampfkalendern für unglücklich, selektiv einen Nominierungswettkampf zu benennen (wie im Fall der Berglauf Langdistanz WM der Zugspitz Basetrail XL). Es gibt inzwischen Bemühungen wie der oben schon zitierte ITRA Performance Index, die helfen, auch Leistungen jenseits der Bahn und der Straße vergleichbar zu machen. Egal ob man hierfür ein eigenes System entwickelt oder die Berglaufergebnisse verstärkt der ITRA zur Erfassung meldet: Hiermit wäre nicht nur mehr Transparenz geschaffen, man kann auch besser die aktuelle Form des Athleten oder der Athletin abschätzen und wäre nicht nur auf Einzelevents angewiesen, wo es ja auch leicht mal zu Ausreißern kommen kann.

Es wäre zu hoffen, dass hier bald was passiert – denn trotz der Überschneidungen wäre es wünschenswert, wenn der Berglauf neben Trailrunning und Skyrunning auch weiter bestehen bleibt.



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