GEAR TALK: Fester Grip auf Schnee und Eis

von Sabine





Kaum jemand zweifelt mehr an der Klimaerwärmung – vielleicht bis auf diejenigen, die sich gerade wohlig im postfaktischen Zeitalter eingerichtet haben und jegliche Studien, Forschung und Messergebnisse mit „Fake News“ abtun.

Trotz dieser Erwärmung gibt es sie immer noch: Die Tage und Wochen, in denen einem als Läufer sein Hobby durch Schnee nahezu unmöglich gemacht wird. Ich meine damit nicht den frisch gefallenen Schnee, in dem das Laufen zwar anstrengend, aber wunderschön ist. Sondern der Schnee, der schon einige Zyklen von Tauen/Frieren erlebt hat und zu Eis geworden ist. Auf solchem Untergrund laufe ich äußerst ungern – denn die Sturzgefahr ist hoch – und wenn ich laufe, laufe ich meist sehr verkrampft.

Nun gibt es inzwischen einige Hersteller von Laufschuhen, die in ihren Wintermodellen Karbidspikes integriert haben. So zum Beispiel der Salomon Spikecross, der Inov8 OROC 280 V2 oder die Buggrip Modelle der Firma Icebug.

Problem bei solchen Schuhen: Sie funktionieren nicht wirklich gut auf Asphalt oder anderem harten Untergrund. Nun ist es in den hiesigen Breiten eher unwahrscheinlich, dass man auf dem gesamten Weg – sozusagen Door-to-Trail – eine durchgängige Schneeauflage hat. Zumindest nicht für diejenigen, die in den Mittelgebirgen oder tiefer wohnen. Und ein Zweitpaar Schuhe nimmt man eher nicht mit.

Daher sind mir Lösungen sympathischer, bei denen man Traktionselemente an einem normalen Trailschuh anbringen kann – ob das nun Spikeplatten, Schneeketten oder Steigeisen sind. Meine Anforderungen an einen solchen Ausrüstungsgegenstand wären:
  • Funktionalität: Traktion und Grip auf Eis genauso wie auf komprimiertem Schnee, bergauf wie bergab, unabhängig von der Temperatur
  • Handling: Muss schnell und einfach am Schuh zu befestigen und wieder abzunehmen sein
  • Komfort: Wenn angelegt, sollte das Laufverhalten des Schuhs nicht wesentlich beeinflusst werden.
  • Gewicht und Volumen: Sollte möglichst leicht und kompakt sein, damit man es gut verstauen kann, wenn man es nicht braucht.
  • Robustheit: Das Device sollte einiges abkönnen – sowohl den häufig gestreuten Split als auch kurze Abschnitte von Asphalt.
Im Vorfeld zu meinem Trainingswochenende in den Alpen habe ich mich umgeschaut und mich für ein sehr leichtes Modell des koreanischen Herstellers Snowline entschieden: Snowline Chainsen Trail. Kostenpunkt: 40 Euro, bei manchen Anbietern lässt sich noch der eine oder andere Euro sparen.






Beschreibung

Die Snowline Chainsen Trail bieten eine Kombination aus Ketten und Platten mit 2er bzw. 3er Gruppen von Vertikalzacken (Länge: 0,7mm): Am Vor- und Mittelfuß sind es 4x2 Zacken, an der Ferse 2+3 Zacken – insgesamt also 13 Stück. Das Material der Ketten und Zacken ist rostfreier Edelstahl. Am Fuß gehalten werden die Schneeketten mit einem umlaufenden Band aus Elastomer (304, 420J2, volle Elastizität bis -60°C). Anders als bei anderen Traktions-Devices (z.B. YakTrax) benötigt das System neben diesem Elastomerriemen keine weiteren stabilisierende Elemente (Schlaufen, Schnallen). Die Ketten werden mit einem kleinen Täschchen geliefert, in das sie nach Gebrauch verstaut werden können.

Test: Handling
Eigentlich wollte ich das Anlegen der Ketten im Vorfeld zu meiner Tour schon mal üben, dann hatte ich es doch versäumt. Anfangs habe ich mich noch etwas umständlich drangestellt, aber dann ging es sehr schnell: Elastomerriemen leicht anheben, Fuß nach vorn bis zum Frontbügel schieben, und dann die hintere Elastomerkappe über die Ferse ziehen. Das benötigt etwas Kraft, ist aber durchaus gut machbar – auch mit Handschuhen (was ich im Winter immer ganz wichtig finde). Wichtig ist, dass man das Gummiband hoch genug zieht, damit die Ketten und Zacken am Fuß voll entfaltet sind und nicht „herumschlabbern“. Ausziehen geht noch einfacher.
Und obwohl es neben dem umlaufenden Elastomerband keine weiteren Befestigungselemente gibt, sind mir die Schneeketten bei insgesamt 9 Stunden Testzeit kein einziges mal vom Schuh gerutscht.
Skeptisch war ich anfangs auch, ob sich die Ketten nicht während des Transports in der Tasche verheddern würden und dann mühsam auseinander sortiert werden müssten. Das passierte aber kein einziges mal.
Fazit: Handling hat mich voll überzeugt!





Test: Funktionalität
Das Gelände war bei meinen Läufen für einen Test perfekt – in den letzten Wochen hatte es kaum mehr geschneit, der Schnee war extrem fest, teilweise vereist, dazu kamen einmal geräumte Wege, über die sich aufgrund des zwischenzeitlichen Tauwetters mit kalten Nächten eine Eisschicht gebildet hatte (mit Split gestreut und ohne Spikes trotzdem spiegelglatt). Auch eine Skipiste und einen Weg, auf dem Snowboardfahrer jeglichen lockeren Schnee weggefahren und nur noch eine Hartschneeplatte hinterlassen hatten, bin ich hoch und runtergerannt (jeweils ca. 30% Steigung). Die Temperatur variierte von unter -10° bis leicht über 0°.
Traktion und Grip waren absolut überzeugend. Ich bin kein einziges mal gerutscht, weder bergauf noch bergab. Das zeigt, dass die Position der Zacken und Ketten ideal gewählt ist. Selbst Eisplatten konnte ich ohne Veränderung meines Laufstils und ohne zu rutschen problemlos überlaufen.
Was hier vielleicht noch interessant ist: Ich hatte als Trailschuhe die Dynafit Feline SL an – ein Schuh mit ausgeprägten Stollen. Das ist nicht unbedingt die beste Voraussetzung zur sauberen Auflage der Ketten und Vertikalzacken – und dennoch: es hat alles super geklappt. Auch mit so groben Sohlen funktionieren die Chainsen Trail.
Fazit: Funktionalität ist top!

Test: Komfort
Mich haben die Ketten in keinster Weise beim Laufen gestört – im Gegenteil: Durch den guten Halt konnte ich auch die steilen und glattgefahrenen Wege und Pisten in meinem normalen Laufstil hoch- und vor allem herunterlaufen. Die Ketten unter den Schuhen störten nicht, so lange Schnee oder Eis unter den Schuhen war.
Störend wurden sie nur, wenn es Asphaltstrecken zu überlaufen galt. Dann spürt man das Volumen, und das Metallgeräusch ist sowohl für mich als auch für andere Passanten störend – die drehten sich immer erschrocken um … wahrscheinlich dachten sie, es sei jemand im Kettenhemd hinter ihnen her.
Fazit: Auf Schnee und Eis keine Komforteinschränkung – nur die Asphaltstrecken sollten nicht zu lang sein, da dort die Ketten tatsächlich stören.

Test: Gewicht und Volumen
Da das Gewicht oftmals von Herstellern nicht ganz korrekt angegeben wird, habe ich es nachgemessen: Die Schneeketten wiegen pro Fuß exakt 100 Gramm, sind also die leichtesten auf dem Markt.
In dem mitgelieferten Täschchen können die Schneeketten gut verstaut werden – so gibt es auch keine Beschädigung anderer Ausrüstungsgegenstände durch die spitzen Vertikalzacken.
Fazit: Klein und leicht – ideal zum mitnehmen.

Test: Robustheit
Um ehrlich zu sein: In 9 Stunden kann man nicht wirklich testen, ob ein Ausrüstungsgegenstand robust ist. Was ich aber jetzt schon sagen kann: das Material hat längere Abschnitte über eine Straße mit Split genauso mitgemacht wie kürzere Abschnitte über Asphalt.
Fazit: Bislang alles o.k. – updates folgen.



Alles in allem kann ich also diese Snowline Chainsen Trail wirklich empfehlen. Im Übrigen handelt es sich hierbei nicht um asiatische Billigware: Die Snowline Chainsen Trail sind CE zertifiziert und – vor allem – TÜV geprüft.


Zum Schluss, damit die Leser diesen Test einordnen können: Ich habe die hier beschriebenen Snowline Chainsen Trail gekauft – sie ist nicht gesponsert.





Nun noch die Frage nach Alternativen? Ja, da gibt es mehrere Systeme:
  • Kahtoola Microspikes. Das Device des US amerikanischen Herstellers ähnelt sehr dem „großen Bruder“ der Snowline Chainsen Trail, nämlich den Snowline Chainsen Light. Die haben etwas grobere Ketten, die Vertikalzacken sind mit 1cm länger als die der Chainsen Trail – dafür wiegen sie aber auch mehr: Die Devices, die zu Laufschuhen der Größe 42 passen, wiegen pro Paar 250 Gramm bei den Snowline Chainsen Light bzw. ganze 338 Gramm bei den Kahtoola Microspikes. Vor allem letztere halte ich für zu schwer. Sie hätten m.E. nur beim Einsatz auf technisch schwierigen und stark vereisten Flächen ihre Berechtigung, z.B. bei Gletscherquerungen im Rahmen eines Trailruns. Kosten: ca. 60 Euro (Kahtoola Microspikes) bzw. 50 Euro (Snowline Chainsen Light).
  • Kahtoola Nanospikes. Hier sind insgesamt 10 kleine Karbidspikes in zwei Platten aus Thermoplastischem Polyurethan-Elastomer (TPU) eingelassen, das zusätzlich zu den Spikes für Traktion sorgen soll. Für Schuhgröße 42 bringt dieses Device nach Angaben des Herstellers 236 Gramm auf die Waage. Nach Angaben von Läufern, die die Nanospikes benutzen, sollen sie auf Schnee sehr gut funktionieren. Auf Eisflächen aber – vor allem bei Steigung – ist die Länge der Spikes nicht ausreichend, um eine gute Traktion zu ermöglichen. Kosten: ca. 40 Euro.
  • Yaktrax Run. Auch hier werden Spikes und Schneeketten miteinander verbunden – allerdings sind die Schneeketten eher „Schneecoils“: Im Vorfuß 6 kleine Karbidspikes, die in eine Platte aus Naturkautschuk eingelassen sind. Zusätzlich sind im Mittelfuß- und Fersenbereich das grobe Netz aus Naturkautschuk mit Edelstahlspiralen umwickelt, um dort gleichzeitig einen Schneeketteneffekt zu ermöglichen. Die YakTrax werden zusätzlich am Vorfuß durch einen Stabilisationsriemen gesichert. Gewicht: 275 Gramm pro Paar. Meine eigenen Erfahrungen mit den Yaktrax waren nicht sehr positiv – zum einen war beim Abwärtslaufen auf Eis die Traktion nicht befriedigend, zum anderen nutzte sich der Naturkautschuk beim Laufen auf einer vereisten, mit Split gestreuten Straße sehr stark ab, und beschädigte das Kautschuk-Webbing. Es war zu erwarten, dass es bei einem der nächsten Einsätze reißen würde. Kosten: ca. 40 Euro.


Also: Es gibt genügend Möglichkeiten, Schnee und Eis zu trotzen. Daher, auch bei Schnee und Eis: See you on the trails!

Kommentare

  1. Danke für den ausführlichen Bericht - Top ; ) LG Werner www.kochalpin.at

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