Vom Welpenzwerg zum Begleiter am Berg


von Katrin ... und Elli, dem Trailhund

Mitte Oktober:  Erik und ich sitzen mit Elli auf der Steinkarspitze und schauen über die Berge des Tannheimer Tals.  Es ist einer dieser Momente, in dem sich das Gefühl breitmacht: Schöner kann es nicht sein.

Vor 1 ½ Jahren kam Elli als kleiner Welpe zu uns. Wir hatten keine Ahnung, was auf uns zukommen würde und wie wir es schaffen sollten, aus diesem verspielten, tapsigen Welpen einen Begleiter für unsere Bergwanderungen und Trailläufe zu machen.


Zeit, Resümee zu ziehen:

Nachdem die Entscheidung für einen Hund gefallen war, standen wir vor der Frage: Welche Rasse? Welche Art von Hund eignet sich für uns am besten?

Hundebücher wurden gewälzt, Tierärzte befragt und Hundeausstellungen besucht, um am Ende wieder bei der Rasse zu landen, mit der unsere Überlegungen begonnen hatten: Dem Golden Retriever. Er gilt als freundlich, intelligent, leichtführig und bewegungsfreudig.

Erwähnen sollte man hier allerdings noch eine weitere hervorstechende Charaktereigenschaft: Verfressenheit! Ein Golden Retriever hat immer Hunger – er frisst sein Futter nicht, sondern inhaliert es.

Leider ist die Rasse aber auch anfällig für Hüft- und Ellenbogendysplasie. Eine gute Chance diese Erbkrankheiten zu vermeiden hat man allerdings, wenn die Elterntiere frei von Hüft- und Ellenbogendysplasie sind. Fachchinesisch heißt das: „HD und ED frei“.

Also ging die Suche nach einer guten, verantwortungsvollen Zucht los. Jeder der schon einmal einen guten Züchter gesucht hat, weiß, wovon ich spreche.  Leider gibt es unter Hundezüchtern -insbesondere bei beliebten Rassen - eine Menge schwarzer Schafe. Nach langer Suche fanden wir eine wunderbare Züchterin, die für Anfang März 2016 einen Wurf mit zwei HD und ED freien Elterntieren plante.

Am 10. März bekamen wir die Nachricht, dass 9 kleine Golden Retriever Welpen das Licht der Welt erblickt hatten und wir eines davon bekommen sollten.




8 Wochen später war es dann so weit. Elli zog bei uns ein. Und sie hat es in kürzester Zeit geschafft, das Herz aller zu erobern.  Was soll ich sagen? Die ersten Tage und Wochen mit einem Welpen sind aufregend, anstrengend, aber wirklich schön.


Von Anfang an war uns klar, dass Elli uns später auf unseren Wanderungen in den Bergen und beim Trailrunning begleiten sollte. Ein Hund in den Bergen und beim Laufen? Welche Voraussetzungen muss er haben, bzw. auf was muss man bei der Erziehung achten?
Klar ist: Für Bergtouren und lange Trailläufe muss ein Hund gesund sein und darf keine Gelenkprobleme haben.


Die Angst des Hundehalters vor der Hüftdysplasie

Aus Sorge um Ellis Hüften haben wir uns deshalb die ersten Monate streng an die „5 Minuten Regel“ gehalten. Diese besagt, dass die Spaziergänge im ersten Lebensjahr nicht länger als 5 Minuten pro Lebensmonat sein sollten.

Die ersten Wochen war das kein Problem, weil Elli nach kurzer Zeit völlig erschöpft war und wir sie manchmal sogar nach Hause tragen mussten.  Aber mit einem energiegeladenen Junghund ist das schon etwas schwieriger.

Erst mit 8 Monaten habe ich Elli zu den ersten kurzen Läufen mitgenommen und das Laufpensum ganz langsam gesteigert. Auch wenn es uns schwer fiel, haben wir mit den längeren Wanderungen und Läufen erst nach Ellis erstem Geburtstag begonnen.

Und dann das Thema Treppen! Von vielen Tierärzten und Züchtern wird geraten, dass Hunde im ersten Jahr keine Treppen laufen sollen. Und das in einem Reihenhaus! Also haben wir Elli das erste Jahr, wenn nötig, die Treppen hoch und runtergetragen. Ob das wirklich nötig war, ist im Nachhinein fraglich.


Sehr streng, vielleicht auch ein bisschen zu streng, waren wir mit Ellis Gewicht. Die Entstehung von HD und ED scheint nämlich stark korreliert zu sein mit einem zu schnellen Wachstum im ersten Jahr. Die Konsequenz: An unserem Kühlschrank hing die ersten zwölf Monate eine Gewichtskurve und wir achteten strikt darauf, dass Ellis nicht zu schnell an Gewicht zunahm.

Elli fand das gar nicht lustig und war grundsätzlich der Meinung, dass die Futterportionen deutlich zu klein waren. Einem hungrigen Hundeblick zu widerstehen, ist wirklich nicht einfach!

Mit etwas mehr als einem Jahr, haben wir Ellis Hüft-  und Ellenbogengelenke röntgen lassen. Zum einen hatten wir es der Züchterin versprochen. Und zum anderen wollten wir wissen, ob wir Elli ohne Sorge auf lange Touren mitnehmen können.

Ob es nun an all unseren Maßnahmen lag oder ob wir am Ende nur Glück hatten - auf jeden Fall sind Ellis Hüften und Ellenbogengelenke perfekt. Keine Spur von Dysplasie! Für Eingeweihte: HD/ED A1.

Die körperlichen Voraussetzungen für gemeinsame Bergtouren und Trailläufe waren also gegeben.


Erziehen! Aber wie?

Aber welche Voraussetzungen braucht man noch, um einen Hund mit in die Berge oder zum Traillaufen mitzunehmen?

Auf jeden Fall muss der Hund verträglich gegenüber fremden Menschen und Hunden sein. Das heißt, dass er nicht aggressiv sein sollte - davon ist Elli weit entfernt. Aber es heißt auch, dass der Hund nicht vor lauter Menschenfreundlichkeit auf jeden entgegenkommenden Wanderer oder Läufer zurennen und ihn anspringen sollte. Und genau das war anfangs bei unserem Hund der Fall.

Ganz entscheidend ist aber: der Hund muss gut erzogen sein. Es ist viel zu riskant mit einem Hund in die Berge zu gehen, der nicht hört. Gefordert sind dabei nicht nur „Sitz“, „Platz“ oder „Fuß“. Auch die Befehle  „Hinten“, „Rechts“ und „Stopp“ sollten eingeübt sein und sitzen.


Nur wie erzieht man so ein kleines Welpenkind am besten? Wieder haben wir Bücher gewälzt und das Internet durchstöbert auf der Suche nach Informationen.  Und wie bei der Kindererziehung gibt es bei der Hundeerziehung beliebig viele unterschiedliche Meinungen, was für einen Hund die richtige Erziehungsmethode ist.

Wir haben uns dann für die Variante Motivation (durch Leckerlis und Lob) und Konsequenz (zumindest meistens) entschieden.

Wir hatten das Glück, dass Elli in eine Hunde- Großfamilie geboren wurde (Mutter, Großmutter, Ur-Großtante und 8 Geschwister) und unsere Züchterin schon viel wertvolle Vorarbeit in den ersten 8 Wochen geleistet hatte.

Trotzdem war uns klar: Ein kleiner Welpe, der mit 8 Wochen von seinem Wurf getrennt wird, braucht sehr viel Zuneigung und Geduld, aber auch den Kontakt mit gleichalten Artgenossen. Deshalb besuchten wir mit Elli schon ab der 9. Woche die Welpenschule des hiesigen Schäferhundevereins.

Oh Gott, Schäferhundeverein! Das klingt ganz nach Stachelhalsband und Befehlston! Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Dort haben wir gelernt, wie man mit viel Geduld und Motivation spielerisch den kleinen Welpen die ersten Kommandos beibringen kann. Wenn der Mut noch nicht ausreichte, durch dunkle Röhren zu laufen oder über Balken zu balancieren, dann wurde nie mit Druck, sondern immer mit Motivation gearbeitet. Die Motivation kam meist in Form von Leckerlis – und das funktioniert bei Elli immer.


Elli jedenfalls liebte es von Anfang an in die Welpenschule zu gehen.

Aber natürlich reichte es nicht aus, mit Elli nur in der Hundeschule zu üben. Die ersten 1 ½ Jahre haben wir viel Zeit in Ellis Erziehung gesteckt. Immer wieder haben wir Kommandos geübt – auch beim Spazieren und zu Hause.  Und es ist wie bei Kindern. An manchen Tagen verzweifelten wir fast, weil es schien, als hätte Elli alles wieder vergessen.


Mit 6 Monaten wurde Elli von der Welpenschule in die Junghundeschule versetzt und mit 10 Monaten durfte sie das Training zur Vorbereitung auf die Begleithundeprüfung (http://www.vdh.de/hundesport/begleithundpruefung/) besuchen.

Eigentlich hatten wir erst gar nicht vor, die Begleithundeprüfung abzulegen. Aber das Training dazu hat uns viel Spaß gemacht und es hat uns geholfen, dran zu bleiben. Also haben wir uns dann doch zur Prüfung angemeldet. Meine erste Prüfung seit 27 Jahren! Am Tag der Prüfung war ich dann doch ziemlich nervös. Bei Elli bin ich mir nicht sicher. Sie hat die Prüfung jedenfalls mit Bravour und Ruhe abgelegt und darf sich jetzt offiziell Begleithund nennen.



Und Heute?

Trotz Begleithundeprüfung gehorcht unser Hund natürlich nicht immer und insbesondere nicht sofort.

Sie ist mehr der Typ Hund, der die Dinge gern ausdiskutiert und hinterfragt: SITZ! – „Muss das jetzt wirklich sein? Macht doch gerade gar keinen Sinn. Na gut, aber dann will ich auch ein Leckerli dafür.“
Oder: „Was, ich soll kommen und an die Leine? Warum? Können wir darüber nicht noch mal sprechen?“

Aber in den allermeisten Fällen macht Elli was man ihr sagt. Sogar auch dann, wenn ich mich mal wieder meine, in ganzen, grammatikalisch richtigen Sätzen mit ihr sprechen zu müssen: „Elli jetzt mach doch mal bitte Platz …“

Als Hund hat man es halt auch nicht leicht mit den Menschen ...


Aber bei aller Inkonsequenz in unserer Erziehung und vielen weiteren Fehlern, die wir sicher gemacht haben: Heute können wir ohne Leine sowohl lange Trainingsläufe im Wald als auch anspruchsvolle Bergtouren mit ihr machen.

Elli hat sich im letzten Jahr zu einer einfühlsamen und gleichzeitig selbstbewussten Hundedame entwickelt.


Sie hat mich bei fast allen Trainingsläufen für den Eiger 35 begleitet. Bei unserem Trainingswochenende am Eiger sind wir beide das erste Mal zu zweit durch die Berge gezogen.  Wie eine Gämse ist sie selbst schwierige Passagen den Berg hochgeklettert. Und ohne Probleme hat sie die langen und anspruchsvollen Touren durchgehalten.

Inzwischen hat sie uns schon mehrfach in die Berge begleitet.

Ganz offensichtlich liebt sie die Berge. Und natürlich: Die Würstchen auf den Almen. Da ist sie ganz der verfressene Golden Retriever. Nur Kühe sind ihr noch ein bisschen suspekt. Daher hält sie am liebsten respektvollen Abstand – und das ist letztendlich gar nicht so schlecht.


Das Schöne ist aber auch: Wenn wir mit ihr in den Bergen oder im Wald unterwegs sind, sind Ihre Lebensfreude und ihr Spaß am Toben und Rennen ansteckend.

Elli hat sich vom super süßen Welpenzwerg zum perfekten Begleiter am Berg entwickelt!


Zum Schluss noch eine Empfehlung für ein wunderbares Buch, das viel zu meinem Verständnis für das Verhalten von Hunden beigetragen hat: Das andere Ende der Leine von Patricia B. McConnel

Für Leser, die das Thema HD beim Hund interessiert: Gute Informationen findet man unter
Hüftdysplasie (HD) beim Hund

Interessanter Artikel zum Thema Welpen und Treppenlaufen:
https://www.nzz.ch/meinung/kolumnen/welpen-sollen-keine-treppen-laufen-wirklich-ld.103318




Kommentare

  1. Sehr schöner Blog, ein Hund kann für einen Bergläufer wirklich ein guter Freund sein. Ich möchte nur höflich anmerken, dass ich jedem, der mit dem Gedanken spielt, einen Hund bei sich aufzunehmen, besser einen Hund aus einem Tierheim oder einer Tötungsstation retten sollte. Jeder Hund, der von einem Züchter genommen wird, lässt irgendwo einen anderen Hund leidend zurück! So ein Leben wie bei Euch wäre für so einen Hund dagegen das wohl größte Glück! Liebe Grüße, Simon

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Vielen Dank für deine Anmerkung! Einen Hund aus dem Tierheim zu holen, ist sicher eine gute Idee. Für den ersten Hunde wurde uns allerdings davon abgeraten.
      Die Tierimporte aus den Tötungsstationen werden von vielen Tierschützern kritisch gesehen, weil das nicht zur Lösung des Problems in den Ländern beiträgt.
      Ich denke, durch den Kauf eines Hundes bei einem verantwortungsvollen Züchter, fördert
      man die Art von Hundeaufzucht, die wir doch für alle Hunde wollen!

      Löschen

Kommentar posten