Eiger Ultra Trail E35 - Was mach ich hier eigentlich? Ich bin hier falsch!

von Katrin


Genau das frage ich mich, als ich am Samstagmorgen mit Sabine im Zug zum Start des Eiger Ultra Trail (E35) nach Burglauenen sitze. Alle um mich herum sehen irgendwie geeigneter für das Vorhaben aus als ich.


Eiger Ultra Trail - jetzt gibt es kein Zurück mehr!


Entweder sind sie geschätzte 20 Jahre jünger, 20 Kilo leichter oder haben mind. 20 Wettkämpfe mehr gemacht als ich.
 
Da bin ich mir ganz sicher.
Wie konnte ich nur auf die Idee kommen den E35 zu schaffen. Ich, die ich gerade mal einen Halbmarathon und zweimal die kurze Variante des Karwendelmarschs gemacht habe? 
Ich habe mein ganze Leben Sport gemacht: Basketball gespielt, Skirennen gefahren, Tennis und Squash. Aber immer, wenn es im Training ans Laufen ohne Ball ging, habe ich gejammert. Ich war immer stolz auf meinen Sprintzeiten, aber lange Strecken laufen? 

Und jetzt das: 35km, 2500 Höhenmeter, bekloppt!

Bei der Anmeldung am 28. Oktober 2016  habe ich ja auch für den Eiger16 plädiert, aber irgendwie haben mich alle ignoriert. Sabine meinte: Du schaffst das schon. Und jetzt stehe ich hier am Start zum E35!
Dann der Startschuss und noch mal ein aufmunterndes Winken von Andrea. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Wenigstens die Cut-off Zeiten will ich schaffen und nur nicht als Letzte ins Ziel!

Der Start in Burglauenen

Ziemlich schnell kommen wir auf einen schönen Trail bergan durch den Wald Richtung Wengen. Jetzt bloß nicht gleich abreißen lassen! Sabine hat gesagt: Der härteste Cut-off ist oben auf dem Männlichen. Also los, sonst schaffen wir das nicht. Los? Geht nicht, hier ist Stau! Es geht nur im langsamen Schritttempo voran. Na ja, auch nicht schlimm, dann übernehme ich mich wenigstens nicht. 

Aber die Cut-Off Zeit? Panik! 



Schlange stehen: Zwischen Burglauenen und Spätenalp

Bis zur Spätenalp steigen wir 600HM auf einem schönen, wurzeligen Waldtrail bergauf. Eigentlich das, was ich am liebsten mag. Aber im Stau? Sabine meint, wir sind gut in der Zeit.
Ab Kilometer 5 wird der Weg dann breiter und der Stau löst sich auf. Jetzt geht es sanft bergab nach Wengen. Dort wartet Andrea schon auf uns. Und? Ihr seid super in der Zeit und das trotz Stau!
Aber jetzt kommt der härteste Teil! Der Aufstieg zum Männlichen, 900HM super steil! Steil habe ich trainiert bei unserem Trainingswochenende am Eiger und am Weißensee. Aber so steil?

Warum stürmt Sabine denn so los? Wird es doch knapp mit dem Cut-Off? Wieder Panik!

Aber Panik hilft. Irgendwie kommt man damit besser den Berg hoch. Tatsächlich überholen wir einige der Läufer mit den Gazellenfiguren. Komisch! Vielleicht helfen die Skifahrermuskeln ja doch? Aber steil ist das schon. Und es wird immer steiler! Weiter durch die Lawinengitter und dann sehen wir die Station vom Männlichen.

Lawinengitter und Serpentinen am Männlichen
 
Die letzten Meter zum Männlichen

Den Cut-Off haben wir locker geschafft!

Sabine meint, das Schlimmste haben wir geschafft. Wirklich? Ich glaube noch nicht so richtig daran.
Jetzt geht es erst mal auf dem Panoramaweg Richtung Kleine Scheidegg. Mal rennen wir, mal gehen wir. Immer an freundlich grüßenden asiatischen Touristen vorbei.

Und dann passiert es das erste Mal!
Was ist das denn?

Da kommt von hinten einer in einem Tempo angerannt, was nur bedeuten kann, dass er von einer Herde wilder Kühe verfolgt wird!
Ah, nein: Sabine klärt mich auf, dass das der Führende beim Eiger 101 ist, der uns hier das erste Mal überholt. Ja aber warum sprintet der denn die 101 Kilometer?
Egal, wir trotten weiter bis zur Kleinen Scheidegg. Dort muntert Andrea uns noch mal auf.

Das tut so gut! 
 
Aufbruch von der kleinen Scheidegg 
- verfolgt von der internationalen Presse




Dann geht es erst mal durch Bergwiesen auf einem schönen Pfad bergab Richtung Eigermoräne. Die Eigermoräne hoch sind gerade mal 300 Höhenmeter. Also nur so viel wie auf meinen Hausberg, dem Heiligenberg bei Heidelberg, hinauf. Das kann ja nicht so schlimm sein!

Doch! Viel schlimmer!

Es geht ohne Serpentinen kerzengerade super steil den Berg hinauf. Wir kriechen nach oben. Wenn ich jetzt noch langsamer laufe, falle ich um! Aber tatsächlich überholen wir immer noch Läufer. Vielleicht laufen die ja rückwärts?

Und dann passiert es wieder!

Von hinten kommt der Führende des E101, der in der Zwischenzeit noch ein paar extra Kilometer gerannt ist, angestürmt. Bei der Siegerehrung erzählt er, dass er bei der Eigermoräne ein Tief hatte. So ein Tief will ich auch mal haben!
 
Stephan Hugenschmidt stürmt trotz "Tief" an uns vorbei

Aber dann sehen wir die Station Eigergletscher und Andrea, die uns aufmunternd zuwinkt. Die paar Meter schaffen wir jetzt auch noch. Und wir liegen immer noch super in der Zeit. Die Cut-Offs sind kein Thema mehr. Hier haben wir sowohl von Höhenmetern als auch von den Kilometern mehr als die Hälfte geschafft. Gott sei Dank!
Jetzt geht es erst mal an der Eigernordwand entlang und dann steil bergab Richtung Alpiglen. Ein unglaubliches Panorama! Aber an „gemütlich runterrennen“ ist nicht zu denken. Die Wege sind steil und voller Geröll. Jetzt merkt man auch, dass die Kraft nachlässt und man höllisch aufpassen muss, dass man nicht stürzt.

Ich habe keine Lust mehr!
Und meine Beine sehen das genauso! 

Die Luft ist raus: Kurz vor Alpiglen

Die Strecke nach Alpiglen ist lang und zäh. Man hat viel zu viel Zeit nachzudenken: Was mach ich hier eigentlich? Warum quäle ich mich so? Aber jetzt wäre es ja echt doof aufzugeben! Also weiter!
Dann erreichen wir endlich Alpiglen. Langsam kann ich die Verpflegung an den Stationen nicht mehr sehen. Alles schmeckt süß und klebrig. Aber wir müssen etwas essen. Wir brauchen die Energie.
Von Alpiglen aus kenne ich die Strecke von unserem Trainingswochenende. Das macht es aber auch nicht wirklich besser. Ich weiß, es geht jetzt erst mal lange auf einem asphaltierten Weg den Berg hinunter. Mit den müden Knochen macht das nicht wirklich Spaß. Aber es soll uns ja auch nicht zu wohl werden. Langsam fängt alles an weh zu tun. Ich bekomme Kopfschmerzen.

Mist!

Wir müssen immer wieder gehen und können nicht alles rennen, obwohl wir uns das eigentlich für bergab vorgenommen hatten. Aber den Läufern um uns herum scheint es genauso zu gehen. Ab und zu zieht einer der schnellen E101 Läufer an uns vorbei. Unglaublich, die laufen 101 Kilometer und 6700 Höhenmeter und jammern trotzdem nicht so rum.

Also reiss Dich zusammen!

Irgendwann sind wir fast unten in Grindelwald Grund. Aber nein, von hier geht es nicht direkt ins Ziel. Es geht noch mal bergauf! Allerdings auf einem schönen Waldpfad in Richtung Marmorbruch, unserer letzten Station. Im Wald ist es schön kühl und tatsächlich bekommen wir noch mal einen zweiten (oder dritten?) Wind und schaffen es ohne Problem zum Marmorbruch.

Wir überqueren die Gletscherschlucht


Und dort liegen bei der Verpflegung tatsächlich Pringles Chips.

Ich hasse Pringles!
Eigentlich!

Aber dort stopfe ich sie in mich hinein. Endlich etwas Salziges. Schmecken super!
Jetzt kommt die letzte Etappe! Runter nach Grindelwald und dann am Fluss entlang Richtung Ziel. Überall stehen Zuschauer und muntern uns auf. Das tut so gut!



Endlich, im Ziel !


Ich weiß, es kommt noch mal ein kurzer steiler Stich nach oben zur Hauptstraße. Aber das schaffe ich jetzt auch noch. Auf den letzten Metern überholen wir tatsächlich noch mal einen Läufer. Und dann sehen wir das Ziel und Andrea, Amelie, meine Tochter, und meine Schwiegereltern. Noch einmal rennen!  Im Ziel kommen mir vor Freude dann doch fast die Tränen.





Aber egal, wir haben es geschafft: 8 Stunden 41.

Und wir sind nicht Letzte geworden, 21. und 22. in unserer Altersklasse.
Und jetzt? Vielleicht war ich hier ja doch nicht ganz falsch?
Es war ein tolles Event!  Ich bin super stolz, es dank der phantastischen Planung von Sabine und der großen Unterstützung von Andrea geschafft zu haben.

Allerdings bin ich immer noch der Meinung, dass Trailrunning mit Ball viel einfacher wäre!



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Kommentare

  1. Dann gibt es nur einen Weg: einen Ball mitnehmen! Und ausprobieren was leichter ist ;).

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    1. Genau, ich hatte auch schon an so was gedacht:
      http://www.runnersworld.com/chicago-marathon/this-guy-juggled-the-entire-chicago-marathon-without-a-drop

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