" Lauf weg!" - "Run away": Internationale Kampagne gegen sexuelle Übergriffe


Viki ist ungarische Meisterin im Ultralauf.
Viki ist Mutter von zwei Kindern.
Viki ist ein Opfer eines sexuellen Übergriffs.
Viki hat den Angriff überlebt.



Die ungarische Ultramarathonläuferin Viktória Makai wurde am 14. Oktober 2018 in Budapest Opfer eines brutalen sexuellen Übergriffs. Während sie ihren Trainingslauf auf der Straße machte, packte sie ein starker, schwerer Mann sie, schlug ihren Kopf blutig und missbrauchte sie dann sexuell. Mehrere Autos fuhren während der Tat vorbei ohne anzuhalten.
Ihr Mann ging auf die Suche nach seiner Frau und schaffte es, eine noch schlimmere Tragödie zu verhindern. Er schlug den Angreifer in die Flucht und rettete seine Frau, die sofort ins Krankenhaus gebracht wurde. Viktória kannte ihren Angreifer, der in einem Geschäft in der Nähe ihres Hauses arbeitete: "Ich habe ihn erkannt. Er grüßte mich jeden Morgen mit einem Lächeln auf seinem Gesicht", sagte sie zu den Medien.
Die Polizei verhaftete den Angreifer am selben Tag und erhob Anklage gegen ihn.

Nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus beschloss Viktoria Makai, eine Anti-Gewaltkampagne zu starten:
Mit "Run Away!", verbreitet in sozialen und öffentlichen Medien, will sie die Öffentlichkeit auf das Problem aufmerksam machen. Sie weigert sich, ihre körperlichen und emotionalen Wunden zu verbergen, und offenbart ihre Gedanken und Gefühle mit erstaunlicher Offenheit in ihrer Fotogalerie und persönlichen Botschaften:
"Ich möchte die Kontrolle darüber behalten, was um mich herum passiert und was mir bewusst ist. Ich weigere mich, meine Augen zu verschließen! Menschliche Geschichten wecken menschliche Emotionen und inspirieren Handlungen, die unsere Welt prägen können. Lasst sie uns gemeinsam gestalten!"



Auf dem Blog von TrailrunningHD habe ich vor kurzen begonnen, eine Artikelserie über Frauen und Ultrarunning zu schreiben. Als ich die Pressemitteilung über “Run Away” las, war mir sofort klar, dass auch ich die Meldung verbreiten wollte. Zum einen deshalb, weil ich Viktoria sehr mutig finde: Sie hat in dieser Situation nicht geschwiegen, sondern sich in Wort und Bild mit der Situation auseinandergesetzt. Außerdem deshalb, weil sie als Antwort persönliche und keine ideologischen Töne anschlägt. Persönlich fühle ich mich zwar nicht unsicher, wenn ich laufe. Aber ich bin überzeugt, dass man die Gefahren auch nicht verschweigen und dass man vorbereitet sein sollte. Das Wichtigste: Es wäre die verkehrte Antwort, aus Angst zu Hause sitzen zu bleiben. Denn nur wenn wir durch vielfache Präsenz eine Öffentlichkeit schaffen, verschwinden die dunklen Ecken, hinter denen Gefahr lauern kann.
 

Die ursprünglichen Texte sind auf Ungarisch und Englisch - ich habe sie aus dem Englischen übersetzt und will damit Viktoria auch hier zu Wort kommen lassen:







Lauf weg!
"Ich habe mich immer gefragt, welche Chancen ein 25 Kilo schweres Mädchen hätte, wenn es angegriffen würde."


Ich machte mir oft Sorgen, wie wir unser schlankes kleines Mädchen schützen können und was sie zu ihrer eigenen Sicherheit tun kann. Mein Cousin ist Junioren-Europameisters im Judo und sagt immer: Die einzige Chance, die eine schlanke Frau gegen einen gut vorbereiteten männlichen Angreifer hat, ist wegzulaufen. Heute weiß ich, dass bei einem unerwarteten Angriff selbst eine ungarische Ultramarathon-Meisterin nach 50 Metern eingeholt warden kann.  Aber ich glaube immer noch, dass die beste Lösung darin besteht, wegzulaufen: sofort und so schnell wie möglich!






Öffne deine Augen!
"Ich habe ihn erkannt. Er grüßte mich jeden Morgen mit einem Lächeln im Gesicht."


Einer der Journalisten hat mir gesagt: "Ich war überrascht, dass der Angreifer ein großer, blonder, gut aussehender Ungar war." Stereotypen können in die Irre führen. Freiheit und Sicherheit sind Menschenrechte. Sie sind unabhängig von Ideologie, Hautfarbe, Geschlecht oder Religion. Ich suche und finde Ehrlichkeit und guten Willen in meinen Beziehungen zu Menschen. Gewalt kommt oft aus unserer unmittelbaren Umgebung und nicht von außen. Ich werde auf meine unmittelbare Umgebung achten und mich weigern, mit geschlossenen Augen zu leben.






Fühlst du dich sicher?
"Ich war misstrauisch gegenüber dem Mann, der hinter mir lief, aber wollte nicht glauben, dass er wirklich hinter mir her war."


Ich lief in einer sicheren, gut beleuchteten, geschäftigen Gegend. Ich hatte eine sehr klare Vorstellung davon, was sicher und was gefährlich ist. Ich habe keinen Fehler gemacht, aber der Angriff ist trotzdem passiert. Ich verdanke meinem Mann mein Leben. Es gibt keine 100%ige Sicherheit. Sicherheit ist es, was dir erlaubt, ein sorgenfreies Leben zu führen, so wie du es dir vorgestellt hast. Man muss für sich selbst eine Lösung finden – nur dann ist es eine gute Lösung.

Wenn ich an kalten Tagen zittere, denke ich daran, wie ich das Universum erwärme. Wir sind in ständiger Interaktion mit dem, was uns umgibt. Ich ändere mich und gleichzeitig verändere ich dadurch meine Umwelt!






Hast du es jemandem gesagt?
"Er schlug mir immer wieder auf den Kopf und sagte mir, ich solle die Klappe halten!"


Das Sprechen spielt eine zentrale Rolle für uns Menschen. Es erlaubt mir, Informationen über mich selbst zu geben oder um Hilfe zu bitten. Es erlaubt mir, einem Gedanken Glaubwürdigkeit zu verleihen, indem ich ihn laut ausspreche. Es erlaubt mir, mein Interesse an der Situation meiner Mitmenschen zum Ausdruck zu bringen. Die Opfer kommen zu Wort. Das ist es, was ich tue. Immer lauter und lauter!




Hättest du geholfen?
"Ich rannte zum Straßenrand, um um Hilfe zu bitten. Da kam ein Auto, aber es fuhr direkt an mir vorbei."


In letzter Zeit habe ich nur dann Hilfe geleistet, wenn sie gewünscht wurde. Ich dachte, jeder wüsste, was gut für ihn ist und ob er wirklich etwas ändern will. Ich habe einmal einen Krankenwagen gerufen, als ich einen Mann fand, der bewusstlos war. Als der Krankenwagen kam, ging es ihm besser und er hat es mir übelgenommen. Seitdem war ich sehr vorsichtig zu helfen, wenn die Situation nicht ganz klar war. Nach dem, was geschehen ist, habe ich meine Meinung aber geändert: Wir sind für das, was wir sehen, verantwortlich. Nur weil jemand nicht um Hilfe bitten kann, bedeutet das nicht, dass er sich nicht helfen lassen will.
Wissen bedeutet Verantwortung! Ich nehme sie an!




Quelle: www.sportagvalaszto.hu/runaway

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