Corona-Update #4: Jetzt wird's regional


Corona in Deutschland: Aktivität über 7 Tage pro 100000 Einwohner. Quelle: Robert Koch Institut



von Sabine

Mitte letzter Woche haben sich die Bundeskanzlerin und die MinisterpräsidentInnen auf eine neue Phase bei der Bekämpfung von Corona geeinigt. Es soll zunehmend Lockerungen geben, allerdings wird als Sicherheitsgurt oder „Notbremse“ auf Ebene der Landkreise und der Kreisfreien Städte ein Grenzwert eingeführt: Wenn die Zahl der gemeldeten Neuinfektionen in den letzten 7 Tagen einen Wert von 50 Infektionen pro 100000 Einwohner überschreitet, sollen die Lockerungen lokal wieder zurückgenommen werden bzw. in dem betroffenen Landkreis neue Beschränkungen verhängt werden. Nur wenn dieser Anstieg auf lokalisierbare und klar eingrenzbare Einrichtungen (z.B. Alten- oder Pflegeheime) beschränkt bleibt, können die Beschränkungen auf die betreffende Einrichtung begrenzt werden.

Ich finde dieses Konzept – Lockerungen bei gleichzeitiger regionaler Überwachung und ggf. auch Modulation des Infektionsgeschehens, prinzipiell gut. Das Infektionsgeschehen war in Deutschland ursprünglich auf einige Hotspots begrenzt und wurde dann zum Flächenbrand – wenn auch einem Brand, der regional mit mehr oder weniger großer Intensität wütete. Diesen Flächenbrand scheint man jetzt einigermaßen eingedämmt zu haben, doch nun gilt es, auflodernde Feuer zu erkennen und zu bekämpfen. Und kleine auflodernde Feuer bekämpft man eben nicht, indem man die große Fläche mit Wasser besprüht, sondern man geht sie gezielt lokal an.

So weit, so gut. Und doch lohnt es sich, nochmal genauer hinzuschauen. Denn die Beschlüsse scheinen noch unausgegoren zu sein – einige praktische Implikationen hat man da anscheinend im Ringen um einen Kompromiss zwischen drängenden und zögerlichen Ministerpräsidenten nicht bedacht.



Der Grenzwert – zu niedrig oder zu hoch?

Ein Grenzwert ist zunächst mal etwas Abstraktes. Und deshalb ist es gut sich zu veranschaulichen, was er in Bezug auf die Zahlen bedeutet, die wir bereits kennen:
  • Derzeit haben wir in Deutschland im Durchschnitt rund 5500 Neuinfektionen pro Woche. Das wären im Durchschnitt rund 6,9 Neuinfektionen pro Woche pro 100000 Einwohner. Im Durchschnitt sind wir also derzeit deutlich unter dem neuen Grenzwert.
  • Die bislang bundesweit höchste Zahl der gemeldeten Neuinfektionen betrug 34416 pro Woche. Das sind 41,5 Neuinfektionen pro Woche pro 100000 Einwohner. Umgekehrt: Würde also jeder Landkreis den Grenzwert von 50 erreichen, hätte man mehr Neuinfektionen als zur Zeit des bisherigen Höchststandes Anfang April.
  • Da es sich hier aber um einen Grenzwert auf regionaler Ebene handelt, kann man ihn am besten vergleichen mit den maximalen Neuinfektionen pro Woche, die man in den bisherigen Hotspots verzeichnet hat. In Heinsberg waren es Mitte März im Maximum 395 Neuinfektionen pro Woche, dies ergibt 156,4 Neuinfektionen pro Woche pro 100000 Einwohner. In Tirschenreuth, dem Landkreis, bei dem ein Starkbierfest die Ausbreitung befeuert hat, waren es 308 Neuinfektionen – dies ergibt mit 422,5 Neuinfektionen pro Woche pro 100000 Einwohnern den bislang höchsten in Deutschland gemessenen Wert. Der jetzige Grenzwert wirkt demgegenüber recht niedrig.
Man hat, so scheint es, den Grenzwert mit Blick auf die bisherigen Zahlen gewählt. Damit die Wahrscheinlichkeit, dass er derzeit „gerissen“ wird, nicht allzu hoch ist. Und dass er gleichzeitig noch weit weg ist von den Infektionszahlen, die man in der Spitze in den bisherigen Hotspots gesehen hat.



Die Sache mit dem Meldeverzug

Soweit sieht das also ganz vernünftig aus – wäre da nicht die Sache mit dem Meldeverzug.
Bei der Bekämpfung der auflodernden Infektionsherde ist es wichtig, räumlich und zeitlich möglichst nah am Geschehen zu sein. Die räumliche Nähe ist garantiert, da die Infektionszahlen jetzt auf den jeweiligen Landkreis bzw. die kreisfreie Stadt heruntergebrochen werden. Nur kommt man auf diese Weise zeitlich nicht näher an das Infektionsgeschehen heran.

Um abschätzen zu können, wie weit die neue Kennzahl der berichteten Infektionen von dem tatsächlichen Infektionsgeschehen entfernt ist, muss man sich die Kaskade des Test- und Meldeverlaufs anschauen:

A) Person wird infiziert.
B) Person erkrankt.
C) Person meldet sich mit Symptomen beim Arzt.
D) Durchführung der Testung.
E) Analyse im Labor.
F) Rückmeldung des Testergebnisses an das lokale Gesundheitsamt (ggf. folgt auch noch die Meldung an das Landesgesundheitsamt)
G) Meldung des Testergebnisses an das RKI.

Zwischen A und B liegen laut derzeitiger Erkenntnis ein Zeitintervall von etwa vier Tagen. Das Zeitintervall zwischen B und C bzw. C und D ist aufgrund er erhöhten Aufmerksamkeit, die Corona derzeit erfährt, sicherlich kleiner geworden als am Anfang der Pandemie – Zahlen hierzu habe ich aber nicht gefunden. Schätzungsweise kann man mit etwa 2 Tagen rechnen; denn bei Personen, die nicht als Kontakt klassifiziert sind, erfolgt ein Arztbesuch meist erst mit voll ausgeprägten Symptomen, und von da an dauert es auch noch eine gewisse Zeit, bis der Test tatsächlich durchgeführt ist. Schwierig ist auch, die Zeit zwischen der Testung, der Analyse im Labor, der Rückmeldung an das lokale Gesundheitsamt und der Meldung der Testergebnisse an der RKI abzuschätzen. So hängt zum Beispiel die Zeit zwischen D und F ganz wesentlich davon ab, ob die Testung in einem Universitätsklinikum vor Ort durchgeführt wird – dann vergeht zwischen D und F oft nur ein halber Tag – oder ob die Proben zu einem externen Labor versandt werden - dann sind es auch mal mehrere Tage. Bei der Übermittlung an die Gesundheitsämter bzw. das RKI stellt sich die Tatsache, dass vieles der Kommunikation noch über Fax erledigt wird, als zusätzlicher Hemmschuh heraus.

Wenn also beim RKI an einem Tag x ein Patient als positiv gemeldet wird, dann ist der meist schon viele Tage vorher erkrankt. Aber wie viele Tage vorher?

Seit einigen Wochen weist die Seite des RKI, die die Fallzahlen in Deutschland dokumentiert, zwei unterschiedliche Statistiken aus: Diejenige nach Meldedatum und diejenige nach Erkrankungsdatum. Wenn man diese Statistiken über mehrere Tage verfolgt und die für die jeweiligen Daten registrierten Fallzahlen analysiert, so kommt man derzeit zu einem mittleren Meldeverzug von 3 Tagen (Zeit zwischen F und G) sowie zu einer mittleren Zeitdifferenz zwischen Meldung und Krankheitsbeginn (Zeit zwischen B und G) von sogar 9 Tagen! Dazu kommen noch die Fälle, bei denen der Erkrankungsbeginn unbekannt ist; dies ist beispielsweise der Fall bei infizierten asymptomatischen Personen, die über die Kontaktverfolgung ermittelt und positiv getestet wurden.

Das RKI trägt dieser Tatsache inzwischen Rechnung, indem es die Kurve der gemeldeten Neuinfektionen nochmals korrigiert. In den täglich veröffentlichten Situationsberichten wird daher neben der Kurve der Infektion nach Meldedatum und nach Erkrankungsbeginn eine weitere Kurve präsentiert, die bei den Patienten mit unklarem Erkrankungsbeginn diesen schätzt (Imputation) und zusätzlich einen sogenannten „Nowcast“ erstellt. Allerdings ist dieser vor allem bei den aktuellsten Zeitpunkten mit einer hohen Schwankungsbreite versehen – und genau diese Zeitpunkte sind für die Einschätzung der Dynamik und das Ergreifen von Maßnahmen so wichtig.



Anzahl neuer Infektionsfälle - dargestellt nach Meldedatum (oben), Erkrankungsdatum (Mitte) und imputiertem Erkrankungsdatum mit Nowcast (unten). Quelle: Lagebericht des RKI zur Coronavirus-Krankheit-2019 vom 15.05.2020.



Wie ist es aber mit den Infektionen nach Landkreisen? Hier kann man aufgrund der viel geringeren Zahlen solche Korrekturrechnungen nur sehr schwer durchführen. Oder besser: Der statistische Fehler bei solchen Korrekturrechnungen wäre exorbitant. Es bleibt also dem RKI nichts anderes übrig, als für die oben genannte „Notbremse“ den Wert der gemeldeten Neuinfektionen (nach Meldedatum) zu verwenden. Und dieser hat nach den obigen Schätzungen einen Verzug (Zeit zwischen B und G) von etwa 9 Tagen zum Krankheitsbeginn; zu dem noch relevanteren Infektionsdatum beträgt der Zeitverzug sogar im Mittel 13 Tage.

Damit immer noch nicht genug: Da man für so wichtige Entscheidungen wie ein Zurücknehmen der Lockerungen natürlich nicht täglichen Schwankungen unterliegen will, hat man beim Grenzwert ja einen Beobachtungszeitraum von einer Woche gewählt (gemeldete Infektionszahlen pro 100000 Einwohner in den letzten 7 Tagen). Das ist vernünftig, bedeutet aber, dass man an einem Tag x das Infektionsgeschehen anschaut, das sich im Mittel 13-20 Tage vor dem Tag x abgespielt hat.
Das ist so, als ob bei einem Fahrzeug die Steuerung und Bremse erst mit einer Verzögerung von mehreren Minuten ansprechen würde …

Es ist dringend notwendig, die Abläufe zu optimieren, schneller zu werden, zeitlich näher am Geschehen zu sein. So kann es nicht angehen, dass man eine elektronische Patientenakte plant, sich aber auf Datenschutzbedenken zurückzieht, wenn es darum geht, die Datenübermittlung von Infizierten elektronisch und nicht mehr per Fax durchzuführen. Aber auch zwischen der Testung und der Übermittlung der Ergebnisse bleibt noch zu viel Zeit liegen – zum Beispiel auf dem Weg vom Testcenter zu den dezentralen Laboren.



Testen, Testen, Testen!

Inzwischen ist es unbestritten, dass man gerade parallel zu den Lockerungen die Tests auf das Corona-Virus deutlich hochfahren muss. Dabei helfen aber keine Tests großer Bereiche der Bevölkerung – also Tests nach dem Gießkannenprinzip - weil derzeit die Virenlast immer sehr klein ist. Tests müssen – auch ohne vorherige Verdachtsmomente – verstärkt dort eingesetzt werden, wo Hygieneregeln nur bedingt oder gar nicht eingehalten werden können, und daher ein Infizierter sofort eine fatale Kettenreaktion auslösen kann: In Alten- und Pflegeheimen, Krankenhäusern, Kitas und Schulen. Sogar Einzeltests auf freiwilliger Basis könnten hier - im Sinne eines „Probing“ -Aufschluss über verborgenes Infektionsgeschehen bringen.

Derzeit sind in Deutschland Testkapazitäten für bis zu 1 Mio. Tests pro Woche vorhanden – und könnten z.B. durch den Einsatz von Pooling noch weiter gesteigert werden, vor allem dann, wenn die Wahrscheinlichkeit von Negativ-Tests sehr hoch ist. Tatsächlich durchgeführt werden aber nur gut 300000 Tests – gerade mal ein Drittel. Tendenz: rückläufig. Dass dem so ist, hängt zum einen an den Testkriterien des RKI (mit Ausnahme von Kontaktpersonen müssen respiratorische Symptome oder klinische/radiologische Hinweise auf eine Pneumonie vorliegen), andererseits aber auch an der noch ungeklärten Kostenübernahme: Wer zahlt, wenn Personen ohne Krankheitssymptome getestet werden. Die Krankenkasse? Die winkt ab. Der Kreis oder die Stadt? Auch das stößt nicht auf zu viel Gegenliebe. Glücklicherweise hat sich der Gesetzgeber des Problems angenommen und im „Zweiten Gesetz zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite“ die Kostenübernahme auch bei einer präventiven Testung geklärt.

Gerade die Hotspots, die jetzt auf Kreisebene mit der Grenzwertregelung ermittelt werden, sind Kandidaten für breitere Testungen. Und wenn sich das Infektionsgeschehen dort noch besser auf einen bestimmten Bereich einschränken lässt – seien es Seniorenresidenzen oder Fleischfabriken – dann sind genau dort jetzt Massentests nötig.

Dabei bleibt zu hoffen, dass die Verantwortlichen auf Kreisebene nicht den fatalen Fehler machen, lieber die Augen zu  verschließen und zu hoffen, das Virus würde auf wundersame Art verschwinden. Gerade in den Hotspots die Regel: Wer viel testet, wird viel finden. Das heißt: Die Infektionszahlen werden dann zunächst einmal weiter ansteigen, eventuell sogar dramatisch. Und das wiederum bedeutet, dass es zunächst mal keine Lockerung gibt oder Lockerungen zurückgenommen werden müssen. Wer aber die Augen verschließt und nicht mehr testet, kann zwar aktuell die Freiheiten erhalten, lebt dann aber auf einem Vulkan, der jeden Moment explodieren kann – mit der Konsequenz, dass dann für sehr viel längere Zeit Freiheitsrechte und wirtschaftliche Aktivitäten eingeschränkt werden müssen.

In diesem Sinne halte ich die Äußerungen der Landrätin des Kreises Greiz, Martina Schweinsburg (CDU), für fatal. Als letzte Woche feststand, dass der Kreis Greiz über dem Grenzwert von 50 Neuinfektionen pro Woche pro 100000 Einwohner liegt, forderte sie Lockerungen statt Begrenzungen – unter anderem mit dem Argument: „Einerseits ist es wichtig, die weitere Ausbreitung des Virus zu verhindern, andererseits können wir unserer Wirtschaft, unserer Gastronomie keine weiteren Blockaden aufbürden.“
Der Schaden für die Wirtschaft und die Gastronomie wird aber viel höher sein, wenn man sich weigert, die notwendigen Maßnahmen durchzuführen.



Räumliche Dissemination

Das schlimme dabei ist, dass es nicht nur für den betroffenen Kreis selbst im Desaster enden kann, wenn bei wieder auflodernden Infektionen nicht konsequent genug gehandelt wird – auch die benachbarten Kreise können schnell in das Infektionsgeschehen mit hineingezogen werden. Dies sieht man beispielsweise derzeit beim Corona-Hotspot Coesfeld. Hier ist der Betrieb „Westfleisch“ der Ausgangspunkt von hohen Infektionszahlen. Wenn man aber genau hinschaut, dann entwickelten sich in den benachbarten Kreisen (z.B. Borken, Münster, Steinfurt) die Infektionszahlen nach oben, als die Zahlen in Coesfeld explodierten. Denn selbst wenn der Infektionsherd in einer „geschlossenen Einrichtung“ liegt – in diesem Fall dem Schlachtbetrieb – ist keine Einrichtung so geschlossen, dass Infektionen nicht auch mit nach Hause, mit zum Einkaufen oder gar mit zum Besuch bei Freunden genommen werden können. Und viele fahren für’s Einkaufen oder für Besuche gerne auch mal über die Kreisgrenze.

Die oben schon zitierte Landrätin des Kreises Greiz sagte hierzu: „Wie gesagt, es macht keinen Sinn, den ganzen Landkreis Greiz unter Quarantäne zu stellen, während in der Nachbarschaft alles geöffnet wird. Dann gehen die Bürger in die Nachbarkommunen zum Einkaufen oder in die Freibäder.“ Nein, Frau Schweinsburg, andersrum wird ein Schuh draus. Wenn ein Hotspot identifiziert ist, dann muss nicht nur vor Ort alles dafür getan werden, die Infektionen einzudämmen, sondern das Geschehen muss auch räumlich eingegrenzt werden.

So hart es für die Betroffenen ist, aber in diesem Fall sind Reisebeschränkungen über Gemeinde- oder Kreisgrenzen die einzige Möglichkeit. Das zeigte man schon im kleinen Städtchen Vò, wo es die ersten Corona-Toten in Italien gab und das komplett abgeriegelt wurde. In Österreich wurde ein ähnliches Vorgehen in den am stärksten betroffenen Gemeinden in Tirol gewählt, in Deutschland in der Gemeinde Mitterteich im Kreis Tirschenreuth.



Welche Statistik?

So schaut nun Deutschland gebannt auf die bunte Mosaik-Karte mit den 401 Landkreisen und kreisfreien Städten.

Moment mal. Es ist nicht eine Karte – es sind ganz viele. So wie es mittlerweile etwa 80 Millionen Virologen und etwa ebenso viele Epidemiologen  in Deutschland gibt, so gibt es nicht nur die offiziellen „Datensammler“ beim den lokalen Kreis- und Landesgesundheitsämtern, beim Robert-Koch-Institut  und die weltweiten Statistiken der Johns Hopkins University. Jede größere Redaktion hat inzwischen nicht nur den „Corona-Ticker“, der einem neben wichtigen aktuellen Informationen auch regelmäßig mitteilt, dass in Spanien eine 113 jährige Frau Covid-19 überlebt hat, dass in Hong Kong ein Hund mit Corona infiziert ist und dass nun auch Nicaragua den ersten Todesfall zu beklagen hat. Inzwischen zählen auch beispielsweise die ZEIT, ZDF heute und n-tv – und halten auch eine dieser Mosaik-Karten für den interessierten Corona-Beobachter bereit. Jede in eigenem Design.

Doch das Design wäre das geringere Problem, die Daten sind es: Jede Redaktion hat ihre eigenen Datenquellen. So berichtet etwa am Morgen des 14.05.2020 das RKI, dass inzwischen ein weiterer Landkreis den Grenzwert von 50 Neuinfizierten in den letzten 7 Tagen pro 100000 Einwohner überschritten hat: der Landkreis Coburg. Das Problem ist nur: Jede der oben genannten Datenquellen nennt einen anderen Wert. Auf welchen soll man sich jetzt verlassen?

Diese Diskrepanzen – immerhin um einen Faktor 2 – zeigen ein weiteres Problem des Grenzwerts: Gerade in dünn besiedelten Regionen und bei einem dynamischen Geschehen – Coburg grenzt beispielsweise an den Kreis Sonneberg, in dem der Grenzwert schon seit einigen Tagen überschritten ist – können wenige Infizierte (in absoluten Zahlen) schon eine große Veränderung beim Wert der 7-Tage-Inzidenz bewirken. Und dann kann schon ein Meldeverzug zu deutlichen Abweichungen führen.

Aber auf welche Zahlen sollen sich dann die Landräte verlassen? Schwierig. Es wird sicher den einen oder anderen geben, der in diesem Fall die niedrigste Zahl nimmt – so wie man meist vor dem Urlaub dem Wetterbericht glaubt, der das beste Wetter prognostiziert.

Vor allem aber wäre es ratsam, nicht zu warten, bis auch noch die letzte Statistik ausweist, dass der Grenzwert „gerissen“ ist. Eigentlich sollten die Verantwortlichen ständig die lokale Entwicklung im Auge behalten. Wann immer sich klare Trends nach oben ergeben, ist das ein Alarmsignal, auch wenn der Grenzwert noch lange nicht erreicht ist. Je früher man handelt – das haben bislang alle Länder und Regionen gezeigt, desto schneller kann man die Infektion in Schach bringen. Als Gegenentwurf zum „einen Grenzwert“ wurden fünf Warnstufen vorgeschlagen, die dann auch bestimmte Konsequenzen nach sich ziehen sollen – von vermehrten Stichprobentests bis hin zum regionalen Lockdown.

Das wäre sicher ein sinnvolles Vorgehen – ob das aber so formalisiert werden muss, hängt vor allem daran, ob die Landräte in den einzelnen Kreisen eine verantwortungsbewusste Gesundheitspolitik oder reine Klientelpolitik betreiben. Denn eine flexible Handhabung von Grenzwerten und Konsequenzen ist Segen und Fluch zugleich: Segen, weil sich gezeigt hat, dass regionale Ausbrüche ganz unterschiedliche Ursachen haben, die auch ganz unterschiedlich bekämpft werden müssen. Und Fluch, weil die Bereitschaft zu entschlossenem Handeln seitens der Verantwortlichen regional in etwa so unterschiedlich ist wie die Fallzahlen: Ein bunter Flickenteppich.


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