Corona-Update #2: Wir kriegen die Kurve!

von Sabine

Wenn man morgens in die Nachrichten schaut, kommt einem das kalte Grausen. Nur Negativschlagzeilen. In Italien 800 Tote innerhalb von 24 Stunden – und weitere Verschärfung der Ausgangssperren. Auch in Spanien steigt die Zahl der Toten drastisch. In Deutschland nimmt die Zahl der Infizierten weiter zu. In den USA, deren Präsident Corona lange als Problem geleugnet hat, droht die Lage zu explodieren. Gibt es denn keinen Hoffnungsschimmer?

Ich bin mit vielem, was die Medien derzeit tun, einverstanden – vor allem wenn es um Aufklärung geht. Aber es braucht auch mal positive Nachrichten, damit man sich noch mehr anstrengt, noch mehr tut. Noch weniger rausgeht.

Fangen wir also mal mit einer positiven Nachricht an: In Deutschland sind 259 Patientinnen und Patienten mittlerweile genesen. Wahrscheinlich sogar noch mehr, aber die Dokumentation der Zahlen hinkt oft ein paar Tage hinterher.

Zweiter Punkt: Sind wir in Deutschland – aber auch in den Nachbarländern – auf dem richtigen Weg? Wegen der langen Inkubationszeit beim Coronavirus dauert es 8 bis 10 Tage, bis man den Effekt einer Maßnahme sieht, die man heute einleitet. Nun sind die Schulen erst seit Anfang vergangener Woche geschlossen, die Einschränkungen des öffentlichen Lebens gelten sogar erst seit Mitte der Woche und wurden am Freitag nachgeschärft.

Aber auch außerhalb der Gesetze und Verordnungen: Auch die Menschen in Deutschland brauchten eine Weile, bis einsickerte, in welcher Lage wir uns gerade befinden und wie drastisch wir unser Leben ändern müssen. Vor 8-10 Tagen fingen die Menschen an zu begreifen, dass Großveranstaltungen ein echtes Problem sind, dass es nicht mehr cool ist, ins Theater oder ins Kino zu gehen. Das Social Distancing wurde erst seit dem letzten Wochenende zum Schlagwort. Und in dieser Woche begriffen die meisten, dass man möglichst wenig nach draußen gehen sollte – vor allem dann, wenn man dabei Kontakt mit anderen hat. Mit einigem Widerstand seitens einiger Jugendlicher (Stichwort: Corona Partys) – aber auch mit Unverständnis seitens der (zu schützenden) älteren Generation.

Man sollte also noch nicht erwarten, dass wir jetzt schon die großen Effekte sehen. Aber vielleicht erste Anzeichen, dass es in die richtige Richtung läuft? Dass wir die Kurve kriegen, dass die exponentielle Verbreitung des Virus abflacht.

Wir Menschen haben ein Problem: Wir haben nicht das Auge für einen exponentiellen Anstieg. Stattdessen können wir lineare Entwicklungen gut beurteilen.

Deshalb schaue ich mir regelmäßig die Entwicklung des logarithmischen Anstiegs an, hoffe auf einen ersten Knick in der Kurve. Ein guter Parameter zur Abschätzung liefert die Verdopplungszeit.

Verdopplungszeit (in Tagen) für drei teilweise überlappende Zeiträume von je einer Woche. Eine Veränderung (Verringerung, Steigerung) der Verdopplungszeit wird dann als stark gewertet, wenn die Veränderung über die drei Zeiträume mindesten 1 Tag beträgt. Sie wird als schwach gewertet, wenn die Veränderung über die drei Zeiträume mindestens 0,5 Tage beträgt. Bei Veränderungen ohne klaren Trend oder Veränderungen kleiner als 0,5 Tage wird die Situation als gleichbleibend gewertet.


Fazit: In Deutschland geht es in die richtige Richtung. Die Verdopplungszeit steigt an, wenn auch langsam. Aber wie gesagt: Eine deutliche Veränderung würde ich frühestens Mitte der kommenden Woche erwarten, da das Herunterfahren des öffentlichen Lebens (Schulschließungen, Geschäftsschließungen, Schließung von Restaurants, Ausgangsbeschränkungen bzw. Versammlungsverbote) erst im Lauf der letzten Woche erfolgte.

Noch größere Schritte in Richtung Verlangsamung der Ausbreitung macht derzeit Österreich, und auch die Schweiz ist seit einer guten Woche auf dem richtigen Weg.

Was sind aber diese Zahlen wert? Das ist für unterschiedliche Länder sicher unterschiedlich zu beurteilen. Zwar zeigen auch in Italien und Spanien die Vorzeichen in die richtige Richtung – aber dort sieht es ganz danach aus, als werde nur ein geringer Teil der tatsächlich Erkrankten erfasst – darauf deutet unter anderem die extrem hohe Mortalitätsrate hin. Die liegt in Italien bei 9,0%, in Spanien bei 6,0% und in Frankreich bei 3,9%. In Südkorea, wo am konsequentesten getestet wird und daher die Daten auch am zuverlässigsten sind, ist dagegen die Mortalitätsrate bei 1,2%. Die Werte in Deutschland und Österreich sind mit 0,4% bzw. 0,3% noch geringer, werden sich aber sicher noch erhöhen, weil wir in der Ausbreitung der Ansteckung zeitlich hinter Korea herhinken. In der Schweiz beträgt die Mortalitätsrate 1,2%.

Die niedrige Mortalitätsrate in Deutschland, Österreich und der Schweiz bedeutet: Es wird wohl wirklich gut getestet und es bleibt zu hoffen, dass es aufgrund der jetzt getroffenen Maßnahmen keine großen, unentdeckten Infektionsgeschehen mehr geben wird. In Deutschland hat man bis Ende vorletzter Woche schon über 135000 Tests ambulant durchgeführt, hinzu kommen Tests an Kliniken. Damit ist Deutschland hinter Südkorea das Land, das derzeit die meisten Tests durchführt.

Es gibt aber einen weiteren Hoffnungsschimmer: In Heinsberg, dem „Epizentrum“ der Corona-Ausbreitung in Deutschland, hat sich die Dynamik der Virusausbreitung weiter verlangsamt. Während man am 18.3. noch 811 Infizierte registriert hatte, waren es am 19.3. 840 Infizierte, am 20.3. 890, gestern 916 und heute 964. Dies würde einer Verdopplungszeit von über 16 Tagen entsprechen. Ein riesiger Erfolg – damit wäre der Kreis Heinsberg allen anderen Regionen Deutschlands voraus. In Heinsberg blieben übrigens seit Ende Februar, als die ersten Infektionen zu verzeichnen waren, Schulen, Kindergärten und Kitas geschlossen.

Die Frage ist: Wohin muss sich denn die Verdopplungszeit entwickeln? Was ist denn das Ziel?

Ein erstes Ziel wäre es meiner Meinung nach, die Verdopplungszeit auf 18-20 Tage zu heben. Denn dann könnte man erwarten, dass die Zahl der aktuell Erkrankten (also Gesamtzahl der Infizierten minus Geheilte minus Tote) stabil bleibt oder sogar leicht sinkt, denn die Kurven der Infizierten und der Geheilten sind etwa 14-20 Tage zeitversetzt. Das bedeutet, dass in einem bestimmten Zeitraum in etwa so viele Patienten als geheilt entlassen werden wie neu infizierte Patienten dazukommen. Würde man die Verdopplungszeit weiter steigern können, würde das mit einem Rückgang der aktuell Infizierten einhergehen.

Dann hätten wir das Virus im Griff und nicht das Virus uns.

Bis dahin scheint der Weg in Deutschland, Österreich und der Schweiz noch weit zu sein. Aber der Trend geht in die richtige Richtung. Die Kurve beginnt jetzt schon, sich abzuflachen. Und wir alle können zum weiteren Abflachen der Kurve beitragen, indem wir unsere Kontakte weitestmöglich reduzieren und damit für Unterbrechungen in der Weitergabe des Virus sorgen.

In diesem Sinne: Bleibt gesund!


Methodik
  • Zahlen stammen aus den jeweiligen englischsprachigen Wikipedia-Seiten zu den Covid-19 Fällen der Länder.
  • Für einen Zeitraum von 7 Tagen bis zum Tag x wird der Logarithmus zur Basis 2 der jeweiligen Infektionszahlen berechnet, die Verdopplungszeit errechnet sich aus der Steigung der Regressionsgeraden.

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